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Formelhaft und leer

„Erinnerungen […] sind Geister, die zwischen Leben und Tod wandeln.“ – Definitorische Annäherungen an Erinnerung

Erinnerung scheint weder ganz in der Vergangenheit zu liegen noch Teil der Gegenwart zu sein. Sie liegt zwischen diesen Dimensionen und bildet eine eigene Sphäre aus, die die beiden anderen miteinander verbindet.2  Sowohl Positives als auch Negatives kann erinnert werden. In der Erinnerung löst sich das aktuelle Geschichtsbewusstsein auf und etabliert eine Rhetorik des Erinnerns.3 Daher muss sich vor Augen geführt werden, dass Erinnerung niemals neutral oder objektiv sein kann, sie ist viel mehr selektiv.4 „Erinnerung besteht gerade darin, Vergangenheit – erinnerte, rekonstruierte und damit partiell imaginierte – in die Gegenwart zu holen.“5 Mit Hilfe von verschiedenen Formen der Bezugnahme auf Vergangenes werden ganze Welt- und Selbstbilder konstruiert. Es handelt sich also um eine Geschichtsaneignung für „identifikatorische Zwecke.“6 Darüber hinaus muss auf der Grundlage des konstruierten Charakters der Erinnerung festgehalten werden, dass sie niemals abgeschlossen sein kann und daher ohne Unterlass verhandelt und verändert wird.7 Es lässt sich festhalten: „In der Erinnerung zeigt sich nicht die Vergangenheit des Vergangenen, sondern die Vergangenheit der Gegenwart, also das, was unter gegenwärtigen Bedingungen von der Vergangenheit kollektiv erinnert wird.“8

Nationale Identitätsbildung als Grundanlass des Erinnerns

„Mit der Erfindung der Nation im 18. Jahrhundert, die das politische Subjekt der Moderne darstellt, erhält Vergangenheit ihre bis heute gültige sinn- und identitätsstiftende Bedeutung.“9  Das Eigene und Fremde wurde nicht zuletzt auch an Erinnerungen festgemacht, die die eigene Nationalität prägen sollten. Kulturtheoretisch wird kollektive Erinnerung als Selbstvergewisserung definiert. Es bildet sich ein kollektives Langzeitgedächtnis heraus, das festschreibt, welche Narrative für kommende Generationen zur Verfügung stehen sollten.10 Bei Erinnerung handelt es sich also um ein soziales Bezogensein, daher ist es exklusiv und exkludierend.11 Für gewöhnlich gehen nationale Erinnerungen auf als positiv empfundene beziehungsweise erfundene Ereignisse zurück.12 In der identitätsstiftenden Grundbedeutung der Erinnerung liegt ihr Sinn für Kollektive. Zusammenfassend lässt sich mit Hilfe von Soziologie und Geschichtswissenschaft feststellen, dass die selbstverständliche Aneignung und Institutionalisierung von Geschichte einer Gesellschaft als „Gründungselement eines jeden Nationalstaates“13 gilt. Gerade in der Erinnerungs- und Gedenkpraxis zeigen Nationen, wie sie sich als gegenwärtiges Kollektiv verstehen und wie sie von Anderen gesehen werden wollen.14 Auch in der jungen Bundesrepublik, die den Demokratisierungsvorgaben der Alliierten unterworfen war, funktionierte Identitätsbildung ganz ähnlich. Sie hatte den NS zwar gerade erst erlebt, aber keineswegs überwunden. Eine besondere Schwierigkeit bei der Erinnerung an die Shoah bestand immer schon darin, dass Erinnerung sich meist auf positive Traditionsbestände bezieht und der Shoah jegliche positive Bezugnahme fehlt.15 Trotzdem hat sich die Erinnerung an die Shoah zu einer „Staatsräson“ entwickelt, an ehemaligen Tatorten sind Gedenkstätten entstanden und diese sind institutionalisiert worden. Durch die im Jahr 1999 etablierte und 2008 weiterentwickelte Gedenkstättenkonzeption zeigt sich, wie sehr Erinnerung durch staatliche Beteiligung festgeschrieben wurde. „Bis heute ist das Geschichtsverhältnis zum Nationalsozialismus in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit im Horizont nationaler Identität betrachtet worden.“17 Astrid Messerschmidt erläutert, dass es zwei Perspektiven dieser neuen Identitätsbildung nach dem Nationalsozialismus gegeben hat: Eine abgrenzende Haltung, die über „die historische Beschädigung des Deutschseins“ klagt und eine identifizierende Haltung, die die Aufarbeitung des Nationalsozialismus für „genuin zur deutschen Identität gehörend besetzt.“18

Generationsbedingte Erinnerung der Shoah

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Bundesrepublik zeichnet sich durch Diskontinuitäten aus.“19 Die Erinnerungsansprüche und -formen verändern sich im Generationsübergang.20 Dabei folgt dieser Aufsatz der gängigen Einteilung in die TäterInnengeneration, deren Kinder (die sogenannte Nachkriegsgeneration) und die Nachkommen dieser (dritte Generation). Natürlich handelt es sich hierbei um ein theoretisches Konstrukt, eine reine Einteilung ist derart präzise nicht möglich, trotzdem lassen sich einzelne Aspekte dadurch veranschaulichen. Die Generation der TäterInnen war in ihrem kollektiven Gedächtnis dem Nationalsozialismus verhaftet.21 Die verbrecherische Geschichte wurde von einer „Kriegsgeschichte in eine Helden- und Leidensgeschichte umgedeutet“,22 die Verbrechen selbst wurden nicht thematisiert. Obwohl also die Gesellschaft den Nationalsozialismus nicht überwunden hatte, musste dieser als Gegenbild konstruiert werden, um der Forderung nach Demokratie beizukommen. Das Kriegsende wird als Kontinuitätsbruch und Identitätsänderung beschrieben.23 Natürlich handelt es sich hier um eine identitätsstiftende Maßnahme. „Um überhaupt wieder historischen Grund für gemeinschaftsbildende Zugehörigkeit und Handlungsfähigkeit zu gewinnen, mußte […] der Holocaust aus derjenigen Geschichte eliminiert werden, auf die identitätsbildend Bezug genommen wurde.“24 Somit wurde dem Nationalsozialismus eine Alterität entgegen der neuen Gesellschaft (dem Eigenen) angedichtet, sodass alle Verbrechen von der Nation gewiesen werden konnten. Der Prozess von Verdrängung bildete die Grundlage der Integration der Nazi-Elite.25 „Dieses Beschweigen gehört zur Gründungsgeschichte der neuen westdeutschen Demokratie.“26 Die zweite Generation wurde mit dem Verschweigen und Verdrängen der Elterngeneration konfrontiert und begann damit, Kontinuitäten aufzudecken. In das kollektive Gedächtnis wurde normativ eingebrannt, dass die Geschichte des Nationalsozialismus thematisiert werden muss und präsent sein soll. Es handelt sich aber trotz aller aufklärerischer Absichten um den Wunsch nach einem Schlussstrich. Festgeschrieben wurde, dass ein Erinnern gegen das Wiedererstarken von Diktaturen und die Verhinderung von Verbrechen gegen die Menschheit ausreicht. Damit konnte man sich von den Verbrechen und einer Schuldzuweisung abwenden. „Ein durchgehendes Motiv im Umgang mit den NS-Verbrechen in […] Deutschland besteht bis heute in der Abwehr eines vermuteten und stets befürchteten Schuldvorwurfs.“27 In dieser Art des Distanzierens ist es besonders paradox, dass einerseits das vergangene Geschehen bleiben und nichts mit den gegenwärtig lebenden Menschen zu tun haben soll, andererseits aber dafür genutzt werden soll, kommende Generationen moralisch zu erziehen. Von ihnen wird nämlich erwartet, dass sie auf der Grundlage des Wissens über NS-Verbrechen in der Lage sein sollen, solche Verbrechen zukünftig zu verhindern. Die nächsten Generationen sind damit konfrontiert, dass das Erinnern zum „guten Ton“ gehört und damit formelhaft erscheint, gerade wenn daraus staatstragende Ereignisse inszeniert werden.28 Weil kaum noch ZeitzeugInnen leben, ist als Erinnerungsbezugspunkt der dritten Generation nur noch das ritualisierte nationale Gedenken möglich.29 Sie werden damit konfrontiert, dass Erinnerung immer einen moralisch erziehenden Charakter hat und es wenig Spielraum gibt sich dem Gegenstand anzunähern, weil von Anfang an Konformitäts- und Uniformitätsdruck herrscht. Darin liegt möglicherweise der Grund für die sogenannte „Holocaust-Müdigkeit“.30

Heutige Erinnerungskultur und Erziehungspraxis – Adorno würde sich im Grab umdrehen

Mit Theodor W. Adorno ist Erziehung unweigerlich mit „Auschwitz“ verknüpft und hat ihren Sinn nur in der Ausbildung einer „kritischen Selbstreflexion“.31 Man bezieht sich in Deutschland auf diesen Erziehungsbegriff nur zum Anlass nationaler Selbstdarstellung – gerade dadurch aber wird er formelhaft und leer. Die derzeitige Präsentation von Erinnerung und Erziehung ist alles andere als die Anregung zur Selbstreflexion. Die Shoah wird zu einem moralischen Lerngegenstand erhoben, bei dem es nicht um eine eigentliche Auseinandersetzung geht, da „schon immer alle wissen was gemeint ist.“32 Gemeint ist eine moralische Positionierung und Anerkennung nationaler Werte und Identität, weniger eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand des Nationalsozialismus. Geschichte wird damit zu einem funktionalen Element, das die Anpassung von Individuen an den Staat herbeiführen soll, sie wird aus dem Kontext gerissen. Es wird suggeriert, dass der Nationalsozialismus nichts mit dem eigenen Selbst zu tun habe.33 Auch Entstehungsmomente, die mit dem Zivilisationsprozess einhergingen und in ihm angelegt sind, werden ausgeklammert.34 „Wiederholt wird dabei ein durchgängiges Motiv bundesdeutscher Erinnerungspolitik: die Vorstellung, ein Großteil der Bevölkerung hätte dem System zwar schweigend, aber ablehnend gegenüber gestanden.“35 Diese Exkulpationsstrategie, die der historischen Wirklichkeit entgegen steht, soll von jeder Person in der Bundesrepublik angenommen werden. Es soll ein moralisches Werturteil konstruiert werden, das den Nationalsozialismus als Negativfolie der heutigen Demokratie präsentiert. Dadurch erscheint es nicht möglich, den aktuellen Staat zu kritisieren. Eigenständigen Bewertungen wird kein Raum gelassen. Denn dazu müssten die Entstehungsbedingungen und charakterliche Dispositionen zum Nationalsozialismus in der Breite diskutiert werden.36 Geschieht dies nicht, entsteht ein lückenhaftes Bild, wie es im aktuellen kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik vorherrscht.37 Historische Ereignisse, so auch der NS, sind auf menschliche Handlungen und eine gewisse Freiheit zurückzuführen: das aufzuzeigen gälte es.38 Deshalb kann die deutsche Gesellschaft nicht zum Opfer weniger NationalsozialistInnen stilisiert werden. Um einen kritischen Umgang zu fördern muss thematisiert werden, dass die Verbrechen auf einen vorauseilenden Gehorsam und Eigeninitiative der Deutschen Bevölkerung zurückgehen.40 Erst dann ist es möglich, ein moralisches Urteil zu fällen.

[1] Szneider, Natan: Gedächtnis im Zeitalter der Globalisierung. Prinzipien für eine neue Politik im 21. Jahrhundert. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 66, 3-4/2016, Holocaust und historisches Lernen.S.12. [2] Vgl. Ebd., S.12.; Vgl Messerschmidt, Astrid: Umstrittenes Erinnern – Aneignung des Holocaust-Gedächtnisses in der Frauen- und Geschlechterforschung. in: Elisabeth Tuider (Hg.) QuerVerbindungen, interdisziplinäre Annäherung an Geschlecht, Sexualität, Ethnizität, Berlin 2008, S.229. [3] Vgl. Knigge, Volkhard: „Das radikal Böse ist das, was nicht hätte passieren dürfen.“ Unangenehme Geschichte begreifen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 66, 3-4/2016, Holocaust und historisches Lernen, S.5. [4] Vgl. Bernd Faulenbach: Erinnerungsarbeit und demokratische politische Kultur heute. in: Claudia Lenz, Jens Schmidt, Oliver von Wrochem (Hg.) Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg 2012, S. 82. [5] Ebd. S. 82. [6] Vgl. Messerschmidt,: Umstrittene Erinnern, S. 229. [7] Vgl. Szneider, Globalisierung, S.12. [8] Messerschmidt, Astrid: Erinnerung jenseits nationaler Identitätsstiftung. Perspektiven für den Umgang mit dem Holocaust-Gedächtnis in der Bildungsarbeit, in: Claudia Lenz, Jens Schmidt, Oliver von Wrochem (Hg.) Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg 2012, S. 103. [9]  Mesch, Wolfgang: „Auschwitz“ als Bildungsinhalt in der deutschen Einwanderungsgesellschaft. in: Claudia Lenz, Jens Schmidt, Oliver von Wrochem (Hg.) Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg 2012, S. 127. [10] Vgl ebd., S.127. [11] Vgl. Faulenbach, Erinnerungsarbeit,: S. 84. [12] Vgl. Szneider, Globalisierung, S. 11. [13] Mesch, Auschwitz, S. 127. [14] Vgl. Messerschmidt, Identitätsstiftung, S. 103. [15] Mesch, Auschwitz, S. 125. [16] Vgl. Knigge, unangenehme Geschichte, S.3. [17] Messerschmidt, Astrid: Geschichtsbewusstsein ohne Identitätsbesetzungen – kritische Gedenkstättenpädagogik in der Migrationsgesellschaft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 66, 3-4/2016,  Holocaust und historisches Lernen, S. 21. [18] Messerschmidt, Astrid: kritische Gedenkstättenpädagogik, S. 21. [19] Ebd., S. 16. [20] Vgl. Messerschmidt, umstrittenes Erinnern, S. 229 [21] Vgl., Rüsen, Jörn: Holocaust, Erinnerung, Identität. Drei Formen generationeller Praktiken des Erinnerns, in: Harald Welzer (Hg.) Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung, Hamburg 2001, S. 245. [22] Messerschmidt, Astrid: umstrittenes Erinnern, S. 230. [23] Vgl. Rüsen, Holocaust, S. 245. [24] Ebd., S. 246. [25] Vgl. ebd,, S. 246; vgl. Szneider, Globalisierung, S.12f. [26] Rüsen, Holocaust, S. 248. [27] Messerschmidt, kritische Gedenkstättenpädagogik, S.16. [28] Vgl Messerschmidt, umstrittenes Erinnern, S. 230. [29] Vgl. Messerschmidt,: kritische Gedenkstättenpädagogik, S.16. [30] Vgl. Messerschmidt, Astrid: Umstrittene Erinnerung, S.231. [31] Vgl. Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz, in: ders., Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969, Frankfurt a.M. 1971, S. 88. [32] Messerschmidt, umstrittenes Erinnern, S. 231. [33] Vgl. ebd. S. 231. [34] Vgl. Adorno, Erziehung, S.88. [35] Messerschmidt, umstrittenes Erinnern, S. 233. [36] Vgl. These über manipulativen Charakter: Adorno, Erziehung, S. 97 [37] Vgl. Mesch, Auschwitz, S. 130. Vgl. Messerschmidt, kritische Gedenkstättenpädagogik, S. 17.  [38] Vgl. Knigge, unangenehme Geschichte, S. 130. [39] Vgl. Goldhagen, D. J.: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996.  Literatur: Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz, in: ders., Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Helmut Becker 1959-1969, Frankfurt a.M. 1971, S. 88-104. Faulenbach, Bernd: Erinnerungsarbeit und demokratische politische Kultur heute. in: Claudia Lenz, Jens Schmidt, Oliver von Wrochem (Hg.) Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg 2012, S. 81-91. Goldhagen, D. J..: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996. Knigge, Volkhard: „Das radikal Böse ist das, was nicht hätte passieren dürfen.“ Unangenehme Geschichte begreifen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 66, 3-4/2016,  Holocaust und historisches Lernen, S.3-9. Mesch, Wolfgang: „Auschwitz“ als Bildungsinhalt in der deutschen Einwanderungsgesellschaft. in: Claudia Lenz, Jens Schmidt, Oliver von Wrochem (Hg.) Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg 2012, S. 125- 135. Messerschmidt, Astrid: Erinnerung jenseits nationaler Identitätsstiftung. Perspektiven für den Umgang mit dem Holocaust-Gedächtnis in der Bildungsarbeit, in: Claudia Lenz, Jens Schmidt, Oliver von Wrochem (Hg.) Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg 2012, S. 103- 115. Messerschmidt, Astrid: Geschichtsbewusstsein ohne Identitätsbesetzungen – kritische Gedenkstättenpädagogik in der Migrationsgesellschaft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 66, 3-4/2016,  Holocaust und historisches Lernen, S. 16-22. Messerschmidt, Astrid: Umstrittenes Erinnern – Aneignung des Holocaust-Gedächtnisses in der Frauen- und Geschlechterforschung. in: Elisabeth Tuider (Hg.) QuerVerbindungen, interdisziplinäre Annäherung an Geschlecht, Sexualität, Ethnizität, Berlin 2008, S. 227 -246. Rüsen, Jörn: Holocaust, Erinnerung, Identität. Drei Formen generationeller Praktiken des Erinnerns, in: Harald Welzer (Hg.) Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung, Hamburg 2001, S.243 – 260. Szneider, Natan: Gedächtnis im Zeitalter der Globalisierung. Prinzipien für eine neue Politik im 21. Jahrhundert. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 66, 3-4/2016, Holocaust und historisches Lernen, S. 10-15.

Getaggt mit ,

Gemeinsam rumopfern – Gedenkveranstaltungen im Eichsfeld

„Nach alter Manier“ – Deutsche Gedenkkultur im Eichsfeld

Uli Krug hatte Recht, als er schrieb: „Die „Wiedergutmachung der Deutschen“ funktioniert imaginativ als Wiedergutmachung der Vorfahren.“1 In der beschaulichen Region Eichsfeld wird dieses Phänomen des deutschen Gedenkens nur allzu gut sichtbar. Die verstreuten Gemeinden reihen sich jedes Jahr erneut in endlos lange Traditions-Marathons ein. Dabei geht es in erster Linie um die Rehabilitation der Deutschen.

Die geläuterte Nation

Spätestens am Volkstrauertag finden sich jedes Jahr aufs Neue alle wichtigen Personen zu Gedenkstunden zusammen, um gemeinsam die Geschichte ein kleines bisschen mehr zu verdrängen. Die Thüringer Initiative „Volkstrauertag abschaffen!“ beschreibt diesen Sühne-Rummel treffend: „Im Lamento über die „Kriegsopfer“ und die „Opfer von Diktatur und Gewaltherrschaft“, unter der man auch gerne die Mauertoten der DDR zählt, verschwindet die deutsche Täterschaft mit dem Spezifikum des deutschen Verbrechens.“2 So lässt sich ein großes Kapital aus der Geschichte schlagen: Zähneknirschend wird die Schuld der deutschen Nation am industriellen Massenmord zugegeben, jedoch nicht, ohne auch die zu betrauern, die im Feld bei der Verteidigung des Vaterlandes und seiner mörderischen Maschinerie ihr Leben ließen.
Treffender als Christine Lieberknecht, ehemalige Ministerpräsidentin des Landes Thüringens, könnte man diese absurde Gleichsetzung nicht auf den Punkt bringen. Sie forderte einst die „Versöhnung über den Gräbern“3, ein Wunsch, der wohl vielen Deutschen sehr zusagt. Irgendwie waren schließlich alle Opfer des NS, ob nun aktiv daran beteiligt oder bis zum eigenen Tod verfolgt. So wird nicht nur die Schuld relativiert, sondern gleichzeitig eine Versöhnung seitens der Täter vorgeschlagen. Endlich scheint der lang ersehnte „Schlussstrich“ so greifbar.
Der Erinnerungsweltmeister Deutschland weiß um seine Vergangenheit. Und genau das dient dem nationalen Kollektiv zur Aufwertung. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus steht stets die moralisch begründete Ablehnung von Gewalt. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, es sei bisher niemand auch nur auf die Idee gekommen, die Ideologie des NS zu zerlegen und zu kritisieren. Statt den Reiz des nationalen Kollektivs für den einfachen Michl als zu überwindendes Phänomen anzuerkennen, fokussiert die Kritik am Nationalsozialismus die militärische Elite, einzelne Demagogen und eine Aneinanderreihung unglücklicher Umstände, denen sich die Menschen im „Dritten Reich“ beugen mussten. Endlich können sich die Deutschen als eigentliche Opfer des Zweiten Weltkrieges wähnen, der so viel Schande über den Ruf der eigenen Nation gebracht hat.
Im gesamten Eichsfeld finden sich über die Dörfer verstreut sogenannte Kriegerdenkmale. Mit Inschriften wie „Den Toten zur Ehrung, den Lebenden zur Mahnung“ (Steinrode) oder „Zum Gedenken an unsere Gefallenen, Vermissten und Verschleppten aus zwei Weltkriegen. Als Mahnung für Frieden und Versöhnung“ erfüllt das Gedenken vor Ort gleich zwei Sehnsüchte der deutschen Erinnerungskultur. Erstens stellt es die Verbindung zu den (Ur-)Großvätern her und würdigt ihren Einsatz für den Nationalsozialismus, zweitens teilt es dem Betrachter und der Weltöffentlichkeit mit: „Wir haben aus der Vergangenheit gelernt.“ Ganz offen hofieren die Stelen, Denkmäler und Steintafeln die Soldaten der Wehrmacht und wollen gleichzeitig mahnen. Um es mit den Worten Paul Spiegels zu kommentieren: „Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder.“

Tradition schlägt jeden Trend

Konkret äußert sich dies nicht nur in den absurden Reden und dem gemeinsamen Rumgeopfere am Volkstrauertag, sondern besonders im Frühjahr und im Herbst jeden Jahres in zahlreichen Dörfern des Eichsfeldes. Die verschlafene Region mit ihren katholischen Ritualen freut sich darauf, dass einmal was los ist im Dorf, Schüler*innen werden vom Unterricht aus „Kulturellen Gründen“ beurlaubt, die Gastwirtschaften machen ihren Jahresumsatz: Es ist wieder Kirmessaison. Vor allem zur so genannten Burschenkirmes zelebrieren junge und sich für jung geblieben haltende Männer das Kirchweihfest. Das läuft beispielsweise in Jützenbach so ab: „Musikalisch umrahmt wurde die Messe vom Kirchenchor. Nach dem Segen ging es zum Kriegerdenkmal. Bei einer Andacht gedachte die Gemeinde der Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege, Vertreter der Kirmesburschen legten einen Kranz nieder. Dann folgte ein zünftiger Frühschoppen.“4 In vielen Ortschaften ist es Brauch, den deutschen „Opfern“ des Nationalsozialismus in dieser Form die letzte Ehre zu erweisen. In Jützenbach tut man dies an einer Gedenkstele, auf der steht: „Es starben fürs Vaterland die Helden.“ Doch das Dorf ist damit keine Ausnahme. Andere Denkmale tragen Inschriften wie „Ihren tapferen Söhnen in treuem Gedenken“ (Kreuzebra) und „Sie starben getreu den Überlieferungen ihrer Familie für König und Vaterland den Heldentod“ (Bornhagen, Denkmal für beide Weltkriege), oder „Dem Andenken der im Weltkriege gefallenen Helden der Gemeinde Silberhausen gewidmet“ (Silberhausen).
Wie sehr vor allem die Dorfjugend ihren kollektiven Bräuchen und Zwängen hängt, zeigt sich daran, wie entrüstet sie reagiert, wenn man das Gedenken anlässlich der Kirmes kritisiert: Man wird darauf hingewiesen, dass auf einmal die Nationalsozialisten an der Macht waren und eh man sich versah, fanden sich Hugo, Martin und Horst im Russlandfeldzug wieder. Vor allem auf den Dörfern sei der Nationalsozialismus nie so richtig in Erscheinung getreten und das einzige, was man hier an Erfahrungen habe, sei der Verlust der „Söhne des Vaterlandes.“ Dass Deutsche mit Hinblick auf die Zeit von 1933-1945 eine überwältigende Gedächtnislücke aufweisen, ist hinlänglich bekannt. Obwohl die wenigen mit einer Website bedachten Kirmesvereine der Region oftmals einen extra Eintrag zu ihrer Geschichte haben, wird auch dort dieser Abschnitt völlig ausgelassen.5

Vergeben und Vergessen

Was passiert also während der Kranzniederlegungen? Fast könnte man den Eindruck gewinnen, der Nationalsozialismus habe im Eichsfeld nicht stattgefunden und stattdessen hätten ein paar Fanatiker aus Berlin der Region die Männer geraubt, um sie an den Fronten zu verheizen. Doch auch im Eichsfeld zeigte sich die nationalsozialistische Barbarei. 1939 wurden in Ershausen 93 geistig behinderte Kinder und Jugendliche deportiert.6 In vielen Orten der Region, darunter Haynrode, Kirchworbis oder Geismar, wurden Zwangsarbeiter aus Polen und der Ukraine eingesetzt. In Reifenstein gab es ein Sonderlager für Selbige. 1944 wurde in Bischofferode ein Außenlager des KZs Mittelbau-Dora im Bereich der Wintershall AG angelegt. Darüber wird jedoch nur ungern gesprochen. Heute gedenkt man beispielsweise in Geismar auf dem Friedhof ungeachtet der 5 Zwangssterilisationen im Jahr 19437 lieber „Den gefallenen deutschen Helden.“ Bei derartigen Wortlauten geht es nicht mehr nur „um eine Verharmlosung der nationalsozialistischen Geschichte, wie etwa in den Veranstaltungen der deutschen Mainstream-Gedenkpolitik, sondern um eine Glorifizierung“8. Während die Gedenkredner beispielsweise zum Volkstrauertag durch die permanente Verbrüderung mit den nationalsozialistischen Tätern die deutsche Schuld nachhaltig verwischen, nimmt man hier positiv auf die Taten der Nationalsozialisten Bezug. Statt einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Orte und ihrer Bewohner strebt die Dorfgemeinschaft eine „Entschuldigung“ im schlechtesten Sinne an: Gemeint ist keine Entschädigung9 oder Aufarbeitung, sondern ein einfaches Ende der Schuld bei gleichzeitigem Bejubeln der Täter. Von Re-Education fehlt jede Spur, stattdessen sind die viel betrauerten Täter omnipräsent, was nicht zuletzt an der Emotionalisierung der Debatte liegt. „Nicht mehr die Leugnung des Unleugbaren, wie noch vor 40 Jahren, als wirkliche Täter (und ihre entsprechend parentifizierten Nachkommen) das öffentliche Klima bestimmten, macht das Verstockte aus, sondern die Rückprojektion der eigenen Unschuld in die Familiengeschichte des Kollektivs.“10 So erfüllt das 10-20 minütige Gedenken der Dorfgemeinschaft an den Gräbern ihres Volkes in Form der Kriegerdenkmale in erster Linie den Zweck der moralischen Rehabilitation und der damit einhergehenden Verdrehung der Geschichte.

1 Uli Krug: Böser Adolf, guter Richard, Bahamas Nr. 71, 2015
2 Initiative „Volkstrauertag Abschaffen!“ in der gleichnamigen Broschüre, 2015, Seite 5
3 Ebd.
4 Christoph Schmidt: Kirmes in Jützenbach: So ausgelassen feierten die Eichsfelder, Thüringer Allgemeine, 21.10.2015
5 Dass Kirmes im Nationalsozialismus in einem anderen Rahmen oder wie 1939 zum Kriegsbeginn größtenteils gar nicht gefeiert wurde, ist uns bewusst. Eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Zeit für die Vereine ist jedoch aus unserer Sicht unabdingbar.
6 Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und Studienkreis deutscher Widerstand 1933-1945 (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Reihe: Heimatgeschichtliche Wegweiser Band 8 Thüringen, Erfurt 2003, S. 43, ISBN 3-88864-343-0
7 Ebd.
8 Initiative „Volkstrauertag Abschaffen!“ in der gleichnamigen Broschüre, 2015, S. 26
9 Mehr Infos zu Entschädigungen liefert zB die Kampagne makezoopay.tumblr.com
10 Uli Krug: Böser Adolf, guter Richard, Bahamas Nr. 71, 2015

Offener Brief: Aufforderung zur Ausladung von Laurie Penny und Jakob Augstein

Mit Befremden haben wir, die UnterzeichnerInnen dieses Schreibens, zur Kenntnis genommen, dass neben Hochkarätern wie Gerhard Schröder oder Jimi Blue Ochsenknecht auch Laurie Penny und Jakob Augstein im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes 2016 auftreten werden. Letzterer sprach bereits öfters im Literarischen Zentrum, was schon 2013 eine Göttinger Gruppe zu Protesten vor Ort veranlasste. Immer wieder werden beide ausfällig, geht es darum, Israel zu »kritisieren« mit stereotypisierenden Behauptungen. Das Simon Wiesenthal Center setzte Augsteins Statements auf Platz 9 der »2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs«, im Bericht des Jahres 2015 taucht er außer Konkurrenz auf einem »Ehrenplatz« auf. Das SWC benennt Täter-Opfer-Umkehr als wiederkehrendes Merkmal seiner Beiträge zur sogenannten »Nahostdebatte«, so titulierte Augstein den von Israel 2005 geräumten Gazastreifen als »Lager«, in dem Israel seine eigenen Gegner ausbrüte. Während Israel gezwungen ist, mit der Hamas zu verhandeln, deren Ziel die Tötung aller Juden ist, setzt Augstein die Terrororganisation mit ihren Opfern gleich: »Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner. Sie folgen dem Gesetz der Rache«, schrieb er über streng orthodoxe Juden und Jüdinnen. Darüber hinaus raunte er, die US-Regierung agiere auf Geheiß jüdischer Lobbygruppen und Netanjahus Regierung führe »die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs.« Die als »wichtigste Stimme des jungen Feminismus« gefeierte Autorin Laurie Penny gibt nicht minder krude Thesen von sich. Sie unterstützt die Kampagne BDS, die die Schuld am Scheitern aller Friedenspläne einseitig bei Israel sucht. Die doppelten Standards dieser Kampagne sind dermaßen eindeutig, dass sich selbst die Autonomiebehörde Palästinas von Boykottaufrufen förmlich distanziert. Israel wird als »Apartheidstaat« denunziert, was einer Verharmlosung des rassistischen Südafrikas vor Mandela gleichkommt. Schwule Palästinenser fliehen häufig nach Israel, da sie mit Tod und Folter rechnen müssen. Penny stellt unterdessen ausgerechnet den einzigen Staat der Region in Frage, in dem Homosexualität nicht unter Strafe steht, während sie die real existierende Geschlechterseparation, die mörderische Homophobie oder die Jagd auf AtheistInnen in Israels Nachbarstaaten exkulpiert. Die banale Tatsache, dass in der gesamten Region Jüdinnen und Juden nur in diesem einen Staat relativ unbehelligt leben können, übergeht Penny geflissentlich. Den perspektivischen Zufluchtsort für die letzten 40.000 in der islamischen Welt verbliebenen jüdischen Menschen, die nicht durch anhaltende antijüdische Pogrome vertrieben wurden, will sie aufgelöst sehen. Weist man darauf hin, dass eine prominente Person etwas Antisemitisches von sich gegeben hat, sorgt man damit für große Empörung – doch freilich nicht etwa, weil sich jemand daran versucht, die Parole »kauft nicht bei Juden« zu modernisieren. Jene Empörung kommt nicht zustande, weil die Kritik inhaltlich ernst genommen würde, sondern weil die Angesprochenen Antisemitismus nie in der Mitte der Gesellschaft verorten würden, aus der er sich speist. So immunisierten sich auch Augstein und Penny gegen Kritik, die Penny mit dem Hinweis auf eigene jüdische Vorfahren abtut, als ob der Stammbaum oder »Sprechort« einer Person etwas am Wahrheitsgehalt einer Aussage ändere. Auch warfen beide in der Vergangenheit ihren Kritikern pauschal vor, dass sie jegliche Kritik am Staate Israel »reflexhaft« als antisemitisch abtäten. Dieses Strohmannargument wird von weniger um ihr Image bemühten IsraelkritikerInnen auch als »Auschwitzkeule« bezeichnet, verbunden mit einem Hinweis auf die angeblich unterdrückte Meinungsfreiheit. In Deutschland wird Israel öffentlich so gerne kritisiert wie kein anderer Staat. Das verrät schon die Tatsache, dass »Israelkritik« ein etablierter Begriff ist, an dem sich kaum jemand stört. Kein Mensch käme hingegen auf die Idee, seinen Ressentiments gegen andere Staaten Namen wie »Niederlandekritik« oder »Kosovokritik« zu geben. Augsteins wiederholte Behauptung, man »dürfe« Israel nicht offen kritisieren, ist selbstverständlich unbelegbar. In den Bäuchen seines Publikums ist sie aber eine verbreitete gefühlte Wahrheit. Wenn ein Rassist nach einem Verbalausfall sein übliches »man wird ja wohl noch sagen dürfen« hinterher schiebt, würde die überwiegende Mehrheit des hiesigen Publikums ihn des Raumes verweisen. Geht es aber um »den Zionismus« und noch so abwegige Weltverschwörungstheorien, scheint gerade das linksliberale Göttinger Bürgertum Applaus spenden zu wollen.
Wir fordern den Literaturherbst deswegen auf, die Veranstaltungen abzusagen und Penny und Augstein auszuladen. Das Literarische Zentrum fordern wir auf, nicht erneut antisemitischen und antiisraelischen Ausfällen eine Bühne zu bieten. Eine Förderung durch das studentische Kulturticket scheint vor diesem Hintergrund überaus fragwürdig.

Der Brief kann über eine kurze Mail an kontakt@fsr-sowi.de mitgezeichnet werden. Laufend aktualisierte Versionen sind auf fsr-sowi.de, associationprogres.wordpress.com und fb.com/DIGHochschulgruppeGoettingen zu finden.

ErstunterzeichnerInnen:
Allgemeiner Studierendenausschuss der Universität Göttingen
Fachschaftsrat der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen
Association Progrès
Hochschulgruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Göttingen

UnterstützerInnen
[a:ka] Göttingen
Bündnis gegen Antisemitismus Kassel
Initiative gegen jeden Antisemitismus
Olafa

Pistorius, Du Heuchler!

Eine Stellungnahme der feministischen und antifaschistischen
Koordination für Göttingen und Umland zum Kommentar des
niedersächsischen Innenministers Boris Pistorius (SPD) im Göttinger
Tageblatt (GT) vom Freitag, den 19. August 2016.

Pistorius, Du Heuchler!

Ein Innenminister sollte sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn
es um die Verurteilung von Gewalt geht. Bist Du es nicht gewesen, der
nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln auf der
rechten Welle mitgeschwommen ist und gefordert hatte, dass man
Geflüchtete, „die so etwas machen”, abschieben können soll? Bist Du es
nicht auch gewesen, der von „menschenwürdigen Abschiebungen“ gesprochen
und damit zur Verschleierung dieser vielmehr menschenverachtenden Praxis
zu einer ’sozialdemokratischen Wohltat‘ beigetragen hat? Und jetzt
stellst Du Dich hin und denkst mit Deiner widerlichen Doppelmoral
Antifaschist_innen verurteilen zu können, die ihre körperliche
Unversehrtheit und ihre Freiheit riskiert haben, um Neonazis in die
Schranken zu weisen? Schreibtischtäter sollten mit ihren Urteilen
vorsichtiger sein.

Die Scheiße ist doch, Pistorius, dass Du Dich vollkommen unglaubwürdig
machst. Denn Du beziehst Dich in Deiner grottenschlechten Prosa im GT
auf verschiedene Vorfälle, die in erster Linie aus Mutmaßungen und
Spekulationen bestehen:

a) Die Mär von der „linksextremen Gewalt“ gegen Studentenverbindungen.
Natürlich gibt es vermehrt Angriffe auf Verbindungsstudenten. Das
belegen die Statistiken. Aber die Bullen haben in den meisten Fällen
keinerlei Beweise für einen „linksextremen Hintergrund“ bei diesen Über-
und Angriffen. Oft handelt es sich um wilde Spekulationen der Bullen
selbst. Nicht einmal im Fall dieses bescheuerten Brandanschlags  auf den
Schuppen des Corps Hannovera, bei dem Menschenleben gefährdet  wurden,
kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass „linke“ am  Werk
waren. Du und Deine Schergen, ihr habt bislang lediglich ein  schlechtes
Graffiti präsentiert, das von weiß Gott wann gewesen sein  kann. Stimmt,
dabei handelt es sich um einen Hinweis, aber belegt oder  gar bewiesen
ist auch in dem Fall rein gar nichts. Und nun nimmst Du die
Spekulationen der Bullen über einen vermeintlichen Anstieg
„linksextremer Gewalt“ zum Anlass für Deine selbstgerechte
Geschichtsschreibung.

Dass auch in diesem Fall die antikommunistische Stoßrichtung der
„Extremismusformel“ voll zum Tragen kommt, wird offensichtlich, wenn man
sich folgende Tatsachen einmal vor Augen führt: Es waren
Burschenschafter, die im Sommer vergangenen Jahres mit Softair-Waffen
auf eine linke Wohngemeinschaft geschossen haben. Es war ein Mitglied
der Landsmannschaft Verdensia, das den Sprecher der Wohnrauminitiative
vom Fahrrad geschubst hat und es sind die Burschenschaft Hannovera und
die Landsmannschaft Verdensia, die Kader der extremen Rechten wie
Jan-Phillip Jaennecke und Lars Steinke hervor gebracht haben.
Offensichtlich misst Du hier mit zweierlei Maß, worauf auch die
Einrichtung einer „SoKo“ anlässlich der „Gewalt gegen
Verbindungsstudenten“ hinweist. Die Mär von der „linksextremen Gewalt“
gegen Studentenverbindungen dient offensichtlich als Feigenblatt für die
Kriminalisierung antifaschistischer Politik – Spekulationen werden  zu
Tatsachen verklärt und eine ganze Bewegung unter Generalverdacht
gestellt. Deine Fassungslosigkeit entpuppt sich so als Heuchelei. Denn
Du bist noch nicht einmal gewillt Dich an Deine eigenen Spielregeln zu
halten und die polizeilichen Ermittlungen abzuwarten, geschweige denn
Dich auf Gerichtsurteile zu stützen – Dir reicht schon Deine
kleinbürgerliche ideologische Gedankenwelt und das Gefühl auf der
richtigen Seite zu stehen.

b) Die Fabel vom aufgeschaukelten Auto. Jetzt wird es richtig absurd.
Nachdem in der Göttinger Innenstadt 6 Neonazis von, laut
Zeitungsberichten, 40 Antifaschist_innen verprügelt worden sind, setzte
Deine Bullen-PR eine abstruse Geschichte in die Welt, dessen Zweck so
offensichtlich ist, dass sie eigentlich keine Zeile wert wäre. Da Du
Dich aber in Deinem Kommentar im GT so leidenschaftlich darauf beziehst
und offensichtlich versuchst Kapital daraus zu schlagen, indem Du die
Stimmung weiter anheizt, hier ein kleiner Hinweis: Wenn 6 Neonazis von
einem Mob eins auf die Mütze bekommen und die Bullen schon da sind; wenn
diese Bullen darüber hinaus auch gleich einschreiten, wie es  bislang
allen Zeitungsberichten zu entnehmen war, und sogar  irgendwelche Leute
festgenommen haben; wie – um alles in der Welt –  willst Du Dir
erklären, dass die Antifaschist_innen, die offensichtlich  vor den
Bullen auf der Flucht sind, nochmal kurz  anhalten um irgendein Auto
„aufzuschaukeln“. Und warum haben Deine  Bullen dann die Leute, die eine
kurze Rast zum Aufschaukeln eines  x-beliebigen Autos eingelegt haben,
nicht erwischt? Diese Geschichte  stinkt bis zum Himmel – Du
widersprichst Dir selbst und es fällt Dir nicht einmal auf.

Wir wollen nicht sagen, dass diese Frau und ihr Kind keine Angst gehabt
haben und dass es nicht auch sein kann, dass sie berechtigten Anlass für
ihre Angst hatten. Vielleicht haben sich Genoss_innen auf der  Flucht
auf dem Auto abgestützt und es wirkte wie ein „Aufschaukeln“.
Vielleicht war es auch bloße Einbildung – eine Situation, die man nicht
einschätzen kann, die unübersichtlich ist, kann beängstigend sein. Aber
Du machst da auf eine widerliche heuchlerische Art eine Horror-Story
draus und erfindest die „linksextreme Lust an der Gewalt“. Hast Du sie
noch alle?! Wer soll Dir das denn glauben? Wenn Antifaschist_innen mit
40 Leuten 6 Neonazis vermobben und von der „Lust an der Gewalt“
getrieben wären, denkst Du dann nicht, dass Schlimmeres passiert, eineR
von den Faschos womöglich liegen geblieben wäre? Die antifaschistische
Aktion vom Sonntag beweist das genaue Gegenteil von dem was Du Dir da
zusammenreimst: Den Neonazis wurde offensichtlich nur so viel verpasst,
dass die Message in ihren Birnen ankommt: „In dieser Stadt kassiert ihr,
macht euch vom Acker“. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und das
verweist darauf, dass die radikale Linke in Göttingen, im Gegensatz zu
Deinen Mackern von der BFE, in der Lage ist Zweck und Mittel ins
Verhältnis zu setzen.

Aber wem erzählen wir das. Wer seine Phantasie für die Propaganda derart
zu nutzen weiß, ist für Argumente längst nicht mehr empfänglich. Darum,
Du Heuchler, erwarten wir von Dir auch nichts, nicht einmal eine
Erklärung dafür, dass Du in deinem vermeintlich demokratischen Wahn
gegen „Linksextremisten“ offensichtlich bereit bist rechtsstaatliche
Prinzipien außer Kraft zu setzen.

Du hörst von uns.
Feministische und antifaschistische Koordination für Göttingen und Umland

Sinnlos in linken Politsphären – Die Darstellung einer Odyssee

“Meistens hat, wenn zwei sich scheiden, einer etwas mehr zu leiden.” (Willhelm Busch)

Noch nicht einmal ein Jahr haben wir es im JuzI ausgehalten oder, besser gesagt, wurde unsere Präsenz ausgehalten. Genau genommen waren es nur knapp 9 Monate, die wir in dem sich selbst als pluralistisch verstehenden Hausprojekt, Göttinger Urgestein der linken Szene, als Hausgruppe verbringen durften. Mehrere Monate, die von vielen stichelnden Kleinigkeiten und anderen Nichtigkeiten geprägt waren, welche für sich kaum Relevanz hätten, aber in ihrer Kulmination ein mehr als desaströses Gesamtbild auf das Göttinger Hausprojekt, dessen internen Umgang mit Kritik und viel mehr noch auf große Teile der örtlichen linken Szene werfen.
Wir verstehen uns selbst als Gruppe, die politisch sowohl im Eichsfeld als auch im begrenzten Rahmen in Göttingen interveniert und dabei neben ihrem Hauptaugenmerk auf neonazistische und völkische Umtriebe in der Provinz auch immer ein Auge auf regressive Momente innerhalb dessen hat, was man – mit einem weinenden Auge – noch am besten als eigene “Szene” bezeichnen kann. Dabei haben wir in der Vergangenheit nicht davor zurückgescheut, unsere Kritik klar vorzubringen und Doppelstandards bzgl. vor allem Antisemitismus, Antizionismus und Antiamerikanismus in dem eigenen Umfeld deutlich anzusprechen, statt sich beschwichtigtend im eigenen Szenesumpf wohlzufühlen.
Dies war auch mit einer der Hauptgründe für immer wiederkehrende Konflikte mit Teilen des Hausprojekts, die wir im Folgenden darlegen um deutlich zu machen, wie wenig die Möglichkeit zur sinnvollen und kritischen Auseinandersetzung mit linken Positionen innerhalb dieses Rahmens noch möglich ist. Dass wir das Ganze öffentlich thematisieren und außerhalb verstaubter Plena zur Diskussion stellen wollen, liegt an der festgefahrenen Situation und an der Überzeugung, dadurch überhaupt erst konstruktive Gespräche führen zu können.
Unser Rausschmiss aus den Räumlichkeiten des JuzI ging einher mit einer Reihe von stark persönlich aufgeladenen Vorwürfen und unserer Einsicht, dass wir keine Lust mehr haben, mit einem Kreis von Leuten zu diskutieren, der nicht in der Lage scheint, persönlichen Ressentiments und politische Arbeit auch nur ein Stück weit auseinanderzuhalten. Kurz gesagt: Unser Wille, die Konfliktpunkte in den internen Subkomitees mühselig zu sezieren und darauf zu hoffen, dass man überhaupt ernst genommen wird, ist vorbei. Eine öffentliche Debatte über die interne Struktur und den Umgang mit Antisemitismus ist mehr als notwendig. Wir wollen im Folgenden den Anstoß dafür bieten und möglichst genau darlegen, warum wir keine Perspektive mehr in dem Haus und den Personen, die es maßgeblich prägen, sehen. In einem weiteren Schritt wagen wir den Versuch, das Verhalten des JuzI als symptomatisch für die Linke Szene zu erkennen und zu erklären, warum dieses Verhalten unakzeptabel ist.

Was uns zu dieser Entscheidung brachte- was bisher geschah:

Am Donnerstag, dem 16.06.2016, haben wir auf dem JuzI KO vom JuzI Hausplenum einen Brief und die Nachricht erhalten, dass unsere Gruppe sich nicht weiter dort treffen darf. Dieser Brief ist nicht öffentlich. Der Rauswurf wurde damit begründet, dass es ein paar Wochen vorher ein Gespräch mit unserer Gruppe gab, welches laut dem JuzI-Hausplenum „keine Hoffnung darauf gemacht hat, dass eine Klärung noch möglich ist.“. Auf dem KO wurde von einem Vertreter des Hausplenums gesagt, der Brief und die Gründe seien für Außenstehende nicht relevant und nachvollziehbar. Diese beiden Gründe – zum einen das nicht Vorhandensein einer klaren und nachvollziehbaren Argumentation für Außenstehende, so wie die Abwesenheit von Basisdemokratie zeigen auf, wie autoritär und elitär das Hausplenum handelt. Aus unserer Sicht sollte man, wenn man sich linksradikale und emanzipatorische Politik und Werte auf die ansonsten so schwarz-rote Fahne schreibt, solches Verhalten vermeiden.

In dem Brief wird ein zuvor stattgefundenes Treffen zwischen der Hausgruppe des JuzI und unserer Gruppe erwähnt, welches Klärung in das durchaus angespannte Verhältnis der Gruppe und dem Hausplenum bringen sollte. Wir haben an diesem Treffen teilgenommen in der Hoffnung, Positionen auszutauschen, um sich gegenseitig zu verstehen und Handlungen besser nachvollziehen zu können. Stattdessen wurden wir mit längst geklärten Konflikten konfrontiert. Es hatte den Anschein, als stünde das Ergebnis, dass wir als Gruppe aus dem Haus ausgeschlossen werden sollen, schon von vornherein fest.

Begründet ist der Rauswurf damit, dass man sich mit der Gruppe als Ganzes Unwohl fühle: Allem voran werden Parolen, welche auf der Demo in Bornhagen gerufen wurden, das Verhalten Einzelner auf Partys und ein seit einem Jahr geklärt geglaubter Konflikt auf Facebook genannt. In dem Brief wird jedoch nicht weiter argumentiert, was an den genannten Gründen so schlimm sei oder warum man sie so schwer wiegt. Im Gegenteil, es wird davon ausgegangen, dass das bloße Nennen dieser Schlagworte dazu führt, zu verstehen, was gemeint ist. Anstelle von nachvollziehbaren Argumenten benutzt man hier lieber Phrasen. Gerade in Bezug auf die Bornhagendemo wirkt es, als wolle man sich nicht mit den Inhalten und Gründen auseinandersetzen. Ein „mit schlimmmpeinlichen Parolen in Bornhagen auftreten“ ist der argumentative Höhepunkt. Danach wird „erklärt“, dass dies ja einzelne Ereignisse seien, welche stellvertretend für andere stünden. Eine nachvollziehbare Kritik jenseits von Schlagworten aber haben wir nicht gefunden.

Der tägliche Kampf gegen Windmühlen oder Antisemitismus im Juzi-eine Kontinuität:

Dort, wo man sich keinen Begriff von dem zu behandelnden Gegenstand macht, sondern nur eine diffuse Vorstellung eines Dagegenseins postuliert, kann sich nicht reflektiert mit dem Gegenstand auseinandergesetzt werden. Genauso verhält es sich in den Rängen des JuzI und vor allem dem Zirkel des wöchentlichen Hausplenums mit Antisemitismus und seinen Erscheinungsformen. Vorfälle werden nicht ernstgenommen oder diskutiert: `Schließlich haben sich ja auch alle lieb und zur Not spielt man den Jugendarbeiter.´ Das führt dazu, dass seit Jahren eine Kontinuität an antisemitischen Vorfällen im JuzI Bestand hat. Eine Diskussion, die immer wieder aufflammt, aber nie den Rahmen des internen Zirkels des JuzI verlässt, handelt genau von dem regelmäßig erscheinenden antisemitischen Schmierereien im Haus. Beginnend beim kaum überraschenden “Free Palestine” über durchgestrichene Israelfahnen und Davidsterne bis hin zu Liebesbekundungen zur Hamas, wie „Love Hamas“, und offenen Wünschen nach einer dritten Intifada „give the Kids what they want – 3. Intifada”, gab es im JuzI so ziemlich alle Auswüchse an antisemitischen Unterstützungsbekundungen zu lesen, die sich prima mit einem linken Bauchgefühl vertragen. Hauptsache Bezüge zu angeblich unterdrückten Autochthonen sind hergestellt. Man tut sich schwer, an dieser Stelle nicht an den altbekannten Paul Spiegel Ausspruch „Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder” zu denken, denn was sich hinter all diesen Äußerungen verbirgt, ist unweigerlich der Wunsch nach der Auslöschung Israels und seiner jüdischen Bevölkerung. Wo diese Statements nicht thematisiert werden, bleibt es doch mindestens bei einer Relativierung vom dem, was man nicht als das benennen will, was es ist: Purer, unverhohlener Antisemitismus.
Diese Tags sind alle in den letzten zwei Jahren im Hausprojekt aufgetaucht, doch stellen sie darin keine Neuheit dar: Uns begegneten solche Schmierereien auch als eine Form des kollektiven Hasses auf diejenigen, die versuchen, kritisch im Szenesumpf zu intervenieren, an den Wänden und Plakaten konnte beispielsweise auch “antideutsche Pädoschweine” gelesen werden. Weiterhin wurden aus Partyplakaten, auf denen eine Israelsolidität als Konsens genannt wurde, das Wort Israel in wiederkehrender Regelmäßigkeit gezielt herausgebrannt, als sei schon die bloße öffentliche Darlegung der Existenz dieses Staates eine Provokation sondergleichen. Was auf diese Vorfälle folgte war ein Schwall heißer Luft ohne irgendwelche Konsequenzen: Geredet wurde generell nur im kleinen Rahmen, schließlich interessierte das Altbekannte, aber anscheinend kaum Schockierende nur einen kleinen Kreis von Betroffenen oder um den Ruf des JuzI Besorgten. In den kurzen Diskussionen wurden dann Solidaritätsbekundungen mit der Hamas als dummer Jungenstreich dargestellt, der keine politische Relevanz habe. Denn was nur Blödsinn ist, darüber muss man nicht weiter reden, so die Implikation. An anderer Stelle wurde geäußert, dass bekannt sei, wer sich für die Tags antisemitischer Couleur verantworten müsse. Doch statt Konsequenzen folgen zu lassen, wurden die Personen nur gedeckt; man wollte das Problem, nach eigener Aussage, nur durch gutes Zureden lösen. Übrig bleibt bei den zahllosen Diskussionen rein gar nichts und vor allem keine Selbsteinsicht zum eklatanten Vorkommen von linkem Antisemitismus.

Das erklärt auch, warum Oi Polloi, eine völkische Band, die Israel als Apartheidstaat betitelt, auf Konzerten spielen mit dem Titel “Stop Genocide Gaza” und sich mit antisemitischen Rapper, wie Kaveh solidarisieren, auf dem im JuzI stattfindenden Siempre Antifascista Festival spielen konnte (Siehe Anhang 1).

Oder TeilnehmerInnen der antisemitischen Demonstrationen in der Göttinger Innenstadt im Sommer 2014 nicht wie gefordert ein Hausverbot bekamen (Siehe Anhang 2). Die allgemeine Gleichgültigkeit, das Verirren in einem gesteigerten Harmoniebedürfnis und die altlinke Moralpraxis verkommen zu einem Amalgam, in dem Kritik nicht nur wirkungslos, sondern auch sinnlos ist. Der geringe Grundstandard des irgendwie Dagegenseins vermag zwar noch ein Unbehagen mobilisieren, dass dem Überleben von antisemitischen Parolen wenigstens eine geringe Halbwertszeit beschert, aber einen vernünftigen Prozess der Reflexion mag man darin nicht erblicken.
Stattdessen zeigte sich in langwierigen Diskussionen, dass ein noch größeres und immer wieder zu formulierendes Unbehagen gegen als antideutsch bezeichnete Personen und Gruppenzusammenhänge besteht. Exemplarisch ist dabei die kurz aufflammende Diskussion um mehrere Partyplakate einer ein Jahr zuvor veranstalteten Party zum 8. Mai unter dem Titel “Fête de la liberation” zu nennen. Bei der ursprünglichen Veröffentlichung der Plakate gab es kaum Widerstand gegen diese, nur einen kurzen, intern veröffentlichten Text, auf den es ansonsten keine Reaktionen gab. Ein Jahr später hatten sich die Fronten anscheinend verhärtet und bei der Ankündigung der nächsten 8. Mai Party gab es plötzlich Widerstand gegen die erneute Nutzung des JuzI für eine weitere Party.
Diskutiert wurde nur kurz, dafür offenbarte sich schnell ein Gemisch aus Bauchgefühl, dümmlichen Pazifismus-Forderungen und stumpfen Antiamerikanismus. Die Darstellung US-amerikanischer Panzer im Rahmen des D-Days wurde zu einer Darstellung von “Massenvernichtungswaffen” verklärt, von denjenigen, die sich gerne mit einer gewissen Militanz- und Gewaltästhetik schmücken, hierin aber anscheinend keinen Widerspruch sehen. Schließlich sind in der geäußerten Logik die USA nicht als Teil der alliierten Befreiung Europas vom NS Regime zu sehen, sondern werden zu einem Unterdrückerstaat stilisiert, auf den jeder positive Bezug wie ein Eklat wirken muss. Historische Fakten wurden dabei über Bord geworfen und sich auf die “Massenvernichtungswaffen” konzentriert, die paradoxerweise Millionen von Menschen vor dem unweigerlichen Tod durch die Nationalsozialisten gerettet haben. „Man kann nicht a priori Nein zum Krieg sagen. Die Konzentrationslager wurden auch nicht von Friedensdemonstrationen befreit, sondern von der Roten Armee.“, um wieder einmal Paul Spiegel zu bemühen.
Was man nicht wahrhaben will, darf auch nicht gezeigt werden. Deshalb wurde von uns auch ein offen schamvolles Auftreten in Bezug auf die Plakate gewünscht und sogar die identitäre Wildcard ausgeteilt, dass wir doch auch nicht links seien. Das entschiedene Auftreten gegenüber antiamerikanischen Ressentiments wurde nicht gut aufgenommen und das größere Problem vieler Personen und Gruppen innerhalb des JuzI mit unserer Gruppe wurde trat noch einmal deutlicher zu Tage als zuvor.
Was wieder einmal übrig blieb war die Diskussion gegen eine Wand der Ignoranz und des Desinteresses. Sysiphos jedenfalls hätte an der Arbeit gegen Antisemitismus und Antiamerikanismus in diesem pluralistischen Hausprojekt seine wahre Freude gehabt.

Das krankhafte Festigen von Wissens- und Machtstrukturen innerhalb der Linken Szene:

Das Verhalten des Hausprojektes ist leider kein Einzelfall – vielmehr handelt es sich um eine gängige Verhaltenspraxis innerhalb der Linken Szene. Unser Ziel ist es nun, von einzelnen Vorwürfen hin zu einer grundsätzlichen Verhaltens- und Vorgehenskritik zu kommen, die auf weit mehr Gruppen und Zusammenhänge als allein das JuzI zu übertragen ist.

Folgt man dem Gedankengang Theodor W. Adornos in seinem viel zitierten Radiobeitrag „Erziehung nach Auschwitz“, in dem er die Ziele an Erziehung formuliert, ergibt sich die klare Zielsetzung, es sei nur möglich gegen die Barbarei zu arbeiten, indem der Mensch selbstreflektiert und in vollem Bewusstsein über die Auswirkungen seiner Handlungen lebt. Diese geforderte Selbstreflexion ist der Grundstein für konstruktive politische und gesellschaftliche Teilhabe und Arbeit.
Konstruktivität und Selbstreflexion heißt einerseits politische als auch gesellschaftliche Konflikte zu analysieren, zu hinterfragen und schlussendlich zu problematisieren. Problematisieren bedeutet, einen Raum zu schaffen, in welchem Problemstellungen diskutiert werden und entsprechende Umgangsformen und Lösungsansätze gefunden werden können. Dieses Prinzip funktioniert nur unter bestimmten Voraussetzungen: Zum Einen muss die Bereitschaft vorhanden sein, sich von persönlichen Fehden ab- und einer Diskussion zuzuwenden. Zum Anderen ist es zwingend notwendig, Konflikte differenziert zu betrachten, unabhängig vom eigenen „Szene-Standing“. Differenziertheit setzt gleichzeitig Selbstreflexion voraus. Hält man Anstelle dessen an verinnerlichten Dogmen fest, beziehungsweise beharrt man auf seiner Voreingenommenheit, so ist eine Konfliktlösung kaum zu erwarten. Als wichtigen Punkt gilt es, die Herangehensweise zu thematisieren. Beschränken sich die Positionen und Argumente lediglich auf mündliche Überlieferungen ohne klaren Quellenbezug, beschränken sich solche Debatten auf vorgeschobene Befindlichkeiten und Entscheidungen im Hintergrund, so fehlt genau das, was einer Konfliktlösung zu Grunde liegen sollte: Konstruktivität.
Selbstreflexion kann sich andererseits aus einem historisch-kritischem Umgang mit der Gegenwart eröffnen. Genau dieser historisch-kritische Umgang wird von linken Strukturen gerne außer Acht gelassen oder schlicht überhaupt nicht gepflegt. Der vorliegende Fall als Beispiel:
Eines der Probleme, das sich mit dem internen Hinauswerfen einer Gruppe aus einem linken Raum ergibt, liegt auf der Hand: Es ist vollkommen intransparent. Diese Intransparenz gründet sich generell auf einer tief verwurzelten Konfliktscheu. Sie gründet sich aber besonders aus der Angst, sich in aller Öffentlichkeit zu verantworten. Anstatt öffentlich und für alle nachvollziehbar Stellung zu beziehen und sich einer Debatte zu öffnen, die eine mögliche Reflexion fördern könnte, wird im stillen Kämmerlein diskutiert und entschieden. Nicht einmal der Partner*, mit dem der Konflikt ausgetragen wird, ist eingeladen, zu argumentieren – zumindest in diesem konkreten Fall nicht in einem gerechten und sinnvollen Maße.
Es wird intern entschieden, gehandelt, reagiert, ausgeführt. Es bleibt nichts außer Gespräche über mögliche Verläufe. Aus Geschehenem werden Gerüchte, aus Gerüchten werden Mythen und aus diesen Mythen entsteht Erinnerung. Was erinnert werden soll, legen die Parteien fest und verzerren das Geschehnis. Und genau dies ist ein immenser Fehler, ein grundsätzliches Problem von linken Strukturen, in dem sich mehrere Konflikte spiegeln und kulminieren: Zunächst werden Wissenshierarchien gebildet und Machtstrukturen gefestigt. „Wichtige“ Menschen waren in dem Geschehenen Akteur*innen und werden hinterher zu den prägenden Personen der Narration über das Ereignis. „Unwichtige“ Menschen haben sich die Versionen der Akteur*innen anzuhören, inklusive ihrer subjektiven Färbung des Ereignisses. Es ist nicht möglich, das Geschehene zu rekonstruieren oder zu hinterfragen.
Um diesem Problem grundsätzlich entgegenzuarbeiten, sollten sich linke Zusammenhänge darüber im Klaren sein, was es bedeutet, eine solche Form der Erinnerung zu wählen: Es handelt sich um die Gedächtnisform der mündlich-tradierten Erinnerung. Sie wird, wie oben schon angedeutet, von denjenigen geprägt, die über das Geschehene erzählen. Ein kleines Kollektiv von Akteur*innen hat ein kollektives Gedächtnis, das sich über die Erzählung des Geschehenen in ein kommunikatives Gedächtnis verwandelt. Es handelt sich bei dieser Art des Erinnerns um eine Aneignung von historischer Vergangenheit. Das Geschehene wird identitätsstiftend für linke Gruppen, obwohl sie den Verlauf nicht nachvollziehen können. Es etabliert sich eine Rhetorik des Erinnerns, die derart selektiv ist, dass sie niemals neutralen Charakter haben kann, so sehr die Akteur*innen dies auch betonen möchten. Die verfärbte – teilweise imaginierte – Erinnerung wird in die Gegenwart geholt.
Um einen selbstkritischen Umgang mit der Gegenwart zu eröffnen und auch Außenstehenden die Möglichkeit zu geben, sich selbst ein Bild zu machen, sind mehrere Bedingungen notwendig: Die Debatte sollte öffentlich und nicht im Geheimen vollzogen werden, einzelne Beschlüsse (Quellen) sollten zugänglich und transparent gemacht und wenn nötig verfasst werden. Die Gedächtnisform des kommunikativen Gedächtnisses muss hinterfragt und kritisiert werden. Das Ergebnis wäre der Aufbruch von Wissens- und Machtstrukturen innerhalb von linken Zusammenhängen.

Pluralismus ist nur geil, wenn alle einer Meinung sind!

Nun waren es also neun Monate im JuzI. Neun Monate Befindlichkeiten, ungehörte Appelle gegen immer wiederkehrenden Antisemitismus, Kampf gegen Antiamerikanismus, sowie neun Monate Unfähigkeit seitens des JuzI, zwischen Gruppen und Einzelpersonen zu unterscheiden – und neun Monate Heimlichtuerei.
Es hat sich gezeigt, dass dieser Konflikt gut auf die “Szene” projiziert werden kann: fehlender Wille zur konstruktiven Diskussion, einhergehend mit einer Selbstreflexion, welche sich als nahezu inexistent beschreiben lassen muss, und das Nichteinbeziehen der szeneinternen Konfliktpartner sowie Öffentlichkeitsscheu, resultiert schlussendlich in einer Festigung von Wissens- und Machtstrukturen.
Abschließend lässt sich also sagen, dass sich das JuzI, welches sich selbst gern als pluralistisch bezeichnet, nicht als Plattform für politische Arbeit eignet.
Bekanntlich soll man sich Sisyphos, um bei Camus zu bleiben, als glücklichen Menschen vorstellen. Dass dies nicht leicht fällt, ist verständlich und die vergangenen neun Monate lassen sich nur schwer betrachten, ohne bitter zu werden.
Neun Monate, an deren Ende wir uns nicht rausschmeißen lassen, weil wir einfach gehen.

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Literaturempfehlungen:

Goodbye Szene (Sub*Way): https://subway-online.info/?page_id=272

Elemente des Antisemitismus (Max Horkheimer/Theodor W. Adorno): copyriot.com/sinistra/reading/agnado/ad…

Adorno, Theodor W.: Erziehung zur Mündigkeit.Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959 bis 1969, 1971.

Amadeo-Antonio Stiftung – Was ist Antisemitismus? http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/die-stiftung-aktiv/themen/gegen-as/antisemitismus-heute/