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Get in Action

I`m tired of waiting for nothing – get in action
Aktiv werden gegen Naziaufmärsche, rechte Gewalt und dessen Akzeptanz

Am 01.07.2017 möchte die Partei DIE RECHTE unter dem Motto „Volkswirtschaft statt Finanzlobbyismus“ in Erfurt aufmarschieren. In den letzten Jahren ist Erfurt zudem zu einem Ort geworden, an dem rechte Gewalt alltäglich geworden ist. Wie üblich in einer Stadt mit mittelgroßer Zivilgesellschaft, regt sich natürlich Protest gegen den Naziaufmarsch. Das Treiben der Nazis außerhalb der Aufmärsche und Kundgebungen hingegen bleibt unangetastet, mehr noch, scheint sich eine Art der Akzeptanz, zumindest Tatenlosigkeit eingeschlichen haben. Diese und weitere Themen sollen im Mittelpunkt unseres Aufrufes stehen. Wir rufen an diesem Tag zu dezentralen Aktionen gegen den Naziaufmarsch auf.

 

Was bisher geschah

In den letzten Jahren konnten sich Neonazis in Erfurt eine große Infrakstruktur schaffen, die wohl größte davon auf dem Herrenberg. Hier haben sich gleich zwei Nazitreffprunkte etabliert: die Kammwegklause und der Volksgemeinschaft e.V. Bei der „Kammwegklause“ handelt es sich eher um einen Saufschuppen und Veranstaltungort für Musikveranstaltungen, von dem ein nicht geringes Maß an Gefahr ausgeht. Relativ neu hinzugekommen ist der Volksgemeinschaft Erfurt e.V., welcher seinen Sitz etwa 500 Meter Luftlinie von der Kammwegklause entfernt hat. In der sog. Volksgemeinschaft probieren sich die Nazis mit Erfolg auf dem Terrain einer sozialarbeiterischen Tätigkeit. Mit Kinderfesten, Dart-Turnieren, Musikunterricht und Sport versuchen sie bei den von der Tristesse gelangweilten Jugendlichen und Kindern des Herrenbergs anzukommen. Was diese Sportgruppen bewirken, zeigt sich im Viertel. Berichte häufen sich, dass die jugendlichen Besucher der Volksgemeinschaft im Viertel und in der Schule Geflüchtete und Schulbedienstete angreifen. Auf einem Bild dieser Sportgruppe posieren neben Kindern und Jugendlichen auch Michel Fischer (DIE RECHTE), Enrico Briczysco (DIE RECHTE, ex NPD) und andere Neonazis. Auch um die Kammwegklause gab es immer wieder Angriffe auf behinderte Menschen, Migranten oder anders Denkende. Viele dieser Angriffe wurden nie zu einer Anzeige gebracht, da die Betroffenen Angst davor haben. Im Erfurter Süden hat sich so teilweise eine No-Go-Area herausgebildet.

 

Antikapitalismus von rechts

Das Motto der Nazidemo am 01.07. ist deckungsgleich mit den Bestrebungen im Erfurter Süden. Ebenso wie mit vermeintlich sozialarbeiterischer Tätigkeit in der Volksgemeinschaft soll mit antikapitalisischen Thesen suggeriert werden, dass man sich kümmert unddie Menschen nicht im Stich lässt. Gerade für die Abgehängten der grauen Erfurter Außenbezirke ist das Wasser in den Mühlen ihrer Ratlosigkeit im Kapitalismus. DIE RECHTE kritisiert Leiharbeit, den Mindestlohn, Abwanderung in den „Westen“, Gerwerkschaften und allerlei anderen soziale Themen. Das „sich kümmern“, um die soziale Frage hat bei den Neonazis eine lange Tradition. Bereits im Nationalsozialismus war es ein wesentlicher Bestandteil der Agitation gegen progressive Gesellschaftsmodelle. Der Kapitalismus galt und gilt den Nazis als Symptom des kulturellen Zerfalls und steht ihrer Idee eines autoritären Staats- und Gesellschaftsmodells gegenüber.  Für die Nazis von DIE RECHTE bietet diese Ideologie ebenso einfache wie anschlussfähige Antworten auf komplexe ökonomische Fragen. Einfache Antworten bringen ebenso einfache Lösungen,  mit welchen der  potentiellen Anhängerschaft Hilfe und eine bessere Welt versprochen werden kann.Die bessere Welt gilt natürlich nur für die jenigen, welche von den Nazis als deutsch bezeichnet werden und stellt damit etwas exklusives dar. Geflüchtete, Juden, Schwule, Leseben und alles was nicht ins Weltbild passt wird davon ausgeschlossen. Dabei vergessen die Neonazis, dass der Kapitalismus ein gesellschaftliches Verhältnis mit komplexen Strukturen ist, also nichts was man mit einfachen Antworten erklären oder abschaffen kann. Es reicht eben nicht dieses gesellschaftliche Verhältnis in “raffendes“ und „schaffendes“ Kapital zu unterteilen. Statt die politische Ökonomie im Ganzen zu kritisieren und zu versuchen diese zu verstehen, suchen die Nazis obsessiv nach Sündenböcken um die vermeintlichen Strippenzieher des Kapitals zu bestimmen. Das ist nicht nur falsch, sondern ebnet den Weg für die Rückkehr in die Barberei, wenn alles am Kapitalismus unverstandene auf einzelne Schuldige projiziert wird, die es für die Nazis in letzter Konsequenz zu beseitigen gilt.

 

Erfurts bunte Fassade bröckelt

Hinschauen tut nicht selten weh, jedoch schläft es sich ruhiger wenn man es nicht macht. So in etwa nehmen wir die Gesellschaft in Erfurt wahr. Die vermeintlich weltoffene und tolerante Hauptstadt Thüringens hat eine tief braune Realität, welche gern unter den Tisch gekehrt wird, um das Image zu bewahren. Rassistische Übergriffe auf Geflüchtete, Migranten, alternative Menschen, sowie die rassistische Abschiebepolitik der Landeshauptstadt und rassitische Polizeikontrollen sind der alltägliche Wahnsinn. Nazi- Labels und Aufkleber prägen das Stadtbild, auch in der Innenstadt. Zudem gibt es Stadtteile, welche von den linken Strukturen aufgegeben wurden und lieber gemieden werden. Man wird das Gefühl nicht los, dass sich die Menschen in Erfurt aber auch die radikale Linke, kleinbürgerliche Linke und die Zivilgesellschaft damit arrangiert haben. Niemanden interessieren die Menschen, die in den „verlorenen“ Sadtteilen leben müssen und unabhängig davon tagtäglich rassistischen Übergriffen ausgesetzt sind. Erfurt fehlt eine wahrnehmbare Protestkultur gegen rechte Gewalt, Naziaufmärsche und zur Durchsetzung der eigenen Inhalte. Natürlich gibt es in Erfurt Protest, jedoch nur in einem spießbürgerlichen Rahmen, indem die eigentliche Kritik völlig zu kurz kommt. Protest heißt in Erfurt, eine vergitterte Gegendemonstration, welche sich friedlich gegenüber der Nazidemos postiert und ihren Unsinn selbst feiert. Außer von wenigen Ausnahmen, werden die Verhältnisse, welche zu No-Go-Areas, rechter Gewalt und den Bedingungen dahinter, nie angekratzt.

 

Werdet aktiv

Wir wollen uns nicht weiter im braunen Einheitsbrei verstecken und so tun als gäbe es in Erfurt kein Nazisproblem. Wir wollen uns mit euch entschlossen den Nazis in den Weg stellen und das nicht nur an Tagen, an denen Nazidemonstrationen stattfinden, sondern jeden Tag! Wir rufen dazu auf, sich zu organisieren. In Erfurt gibt es eine Reihe an guten inhaltlichen Veranstaltungen auf denen ihr euch und andere bilden könnt. Dokumentiert und recherchiert über Neonazistrukturen, nationalkonservative und ethnopluralistische Organisationen und Bewegungen. Baut Netzwerke auf und organisiert euch in politischen Gruppen. Werdet selbst aktiv und überwindet die Lethargie. Zu diesem Zweck rufen wir am 01.07. zu dezentralen Aktionen gegen den Naziaufmarsch von DIE RECHTE auf.

I`m tired of waiting for nothing – get in action,

Organisiert euch, sabotiert rechte Strukturen und den Naziaufmarsch in Erfurt

weitere Infos unter: http://getinaction.blogsport.eu/

Leinefelde: WARNUNG / WARNING / paralajmërim / avertissement / uyarı / تحذير

WARNUNG

Dieses Wochenende am 06. Mai findet mal wieder der jährliche NPD Eichsfeldtag statt. Das von Neonazis um Thorsten Heise und Mathias Fiedler organisierte Rechtsrockfestival zieht jährlich einige Hundert Neonazis an. Es ist damit zu rechnen, dass bis zu 500 gewaltbereite Neonazis in die Kleinstadt kommen, um das Neonazifestival zu besuchen. Wir raten daher den im Landkreis ansässigen Antifaschisten, Alternativen & Migranten zu äußerster Vorsicht und allen anderen von einem Besuch in Leinefelde für diesen Tag ab.
Das Bündnis gegen Rechts im Eichsfeld hat eine Gegendemonstration um 14 Uhr in Leinefelde angemeldet und ruft Bürger und Antifaschisten dazu auf, sich daran zu beteiligen. Dies halten wir für fatal und gefährlich, vor allem in Anbetracht dessen, dass ein marginalisiertes Bündnis gegen Rechts, was in den letzten jahren nicht mehr als 150 Bürger auf die Straße gebracht hat. Die Demo wird also nicht in der Lage sein, sich selbst zu schützen und auch die An- und Abreise bergen ein Gefahrenpotential, das uns dazu veranlasst, dringend davon abzuraten, an diesem Tag nach Leinefelde zu fahren bzw. den Linken und Migranten vor Ort zu empfehlen, zu Hause zu bleiben. Bei der An und Abreise ist Vorsicht geboten. Am Bahnhof und auf den umliegenden Dörfern ist es nicht unwahrscheinlich bei An- und Abreiseauf Nazis in Fahrgemeinschaften zu treffen.

Passt auf euch auf und nehmt euch einen Tag Urlaub und fahrt lieber irgendwohin wo es schöner ist, als Leinefelde/Eichsfeld.

WARNING

This weekend May 6th the annual event “NPD Eichsfeldtag” takes place again.
Organized by the Neo-Nazis Thorsten Heise and Mathias Fiedler, it attracts several hundred Neo-Nazis. It is most likely that this year up to 500 Neo-Nazis – willing to use violence – will come to the small town of Leinefelde in order to to visit the festival.
Therefore we recommend to those Antifascists, Alternatives and Migrants living in the region to be careful. All others are strongly advised not to go to Leinefelde that day. The “Bündnis gegen Rechts” (literally anti right-wing alliance) in Eichsfeld announced to hold a rally against the Nazi-festival and calls for support from citizens and Antifascists. We think this is utterly dangerous because this alliance barely managed to mobilize only 150 people. Therefore the rally will not be able to defend itself and also the arrival and departure will be risky. So again we have to urgently advise Leftists and Migrants not travel to Leinefelde but to stay home.
If you go to there keep your guard up during the arrival and departure, for it is almost certain that you will encounter groups of Nazis at train stations near Leinefelde.

Take care of yourself and take a day off and rather go somewhere, where it’s nicer than in Leinefelde/Eichsfeld.

Paralajmërim

Këtë fundjavë më datë 6. Maj zhvillohet përsëri ne Eichsfeld NPD ( Dita e Partis Nacional Demokratike të Gjermanisë) . Këtë e Organizon Thorsten Heise dhe Mathias Fiedler dhe është një rockFestival Nazist ( kundër emigranteve dhe të huajve ose të ashtu quajturit Jo-Gjermanëve). Aty do të jenë Mbi 500 Nazistë që festojne dhe protestojnë!
Prandaj ne ju paralajmërojmë juve qe në këtë ditë të mos jeni të pranishëm ne këtë qytet të quajtur Leinefelde qe ndodhet në rrethin e Eichsfeld ! Qytetarët kanë vendosur dhe kanë bërë kërkesë ne bashkinë e komunës qe ne orën 14:00 të dalin në protestë kundër këtij Festivali në Leinefelde

Paralajmërojmë emigrantët antifashistët dhe njerëzit alternative se kjo do të ishte e rrezikshme sepse ne vitet e fundit skane qënë më shumë se 150 Veta ne demostratë kundër Nazistëve dhe nazistët janë shumë ne numer , prandaj cdo kush do të ishte i dobishëm. U bëhet thirrje emigranteve antifashistët edhe njerëzit alternative të qendrojnë në shtëpi në këtë ditë dhe të mos jenë të pranijshëm aty per vizitë ose dicka të tille ne këtë qytet.

Nuk është e habitshme që ne stacionin e trenit të takohemi me të ktille njerëz prandaj ruani veten dhe njerëz të tjerë që Mund të ishin “viktima” të kësaj dite!

avertissement

Ce week-end, le 6 mai, l’annuel “NPD Eichsfeldtag” a lieu encore une fois. Organisé par les néo-nazis Thorsten Heise et Mathias Fiedler, le festival de rock de droite attire plusieurs centaines de néo-nazis chaque année. Il est prévu que jusqu’à 500 violents néo-nazis viennent visiter ce festival. Nous recommandons aux antifascistes, aux personnes liées à des mouvements alternatifs, aux migrants et à tous les autres de faire preuve d’une extrême prudence lors d’une visite à Leinefelde durant cette journée.
L’Alliance contre la droite de Eichsfeld organise une contre-manifestation à 14 heures á Leinefelde et ils appelent les citoyens et les antifascistes à s’engager à participer. Nous considérons cette contre-manifestation fatale et dangereuse, parce que les dernières années, cette alliance ne pouvait pas mobiliser plus de 150 citoyens dans la rue. Donc les manifestants ne seront pas en mesure de se protéger, durant toute la manifestation, ce qui est dangereux. Cela nous amène à vous dissuader fortement d’aller à Leinefelde ce jour-là. Nous conseillons aux réfugiés et aux personnes politisées à gauche vivant sur place de rester chez elles, et de se tenir écartées de la gare. À la gare et dans les villages alentours de Leinefelde il est possible de rencontrer des groupes de nazis en déplacement.

Prenez bien soin de vous et venez en vacances pour une journée dans un lieu plus agréable que Leinefelde / Eichsfeld.

uyarı

Bu haftasonu 6 Mayıs Cumartesi günü yine her yıl yapılan NPD Eichsfeldtag düzenlenecek. Thorsten Heise ve Mathias Fiedler gibi neonaziler tarafından organize edilen sağcı rock partisine bir çok neonazi katılıyor. Buraya en az 500 şiddet kullanmaya hazır neonazinin geleceği düşünülmekte, bu yüzden burada oturan antifaşist, alternatif ve göçmen vatandaşları dikkatli olmaları ve Leinefelde’yi ziyaret etmemeleri konusunda uyarmak istiyoruz.

Sağcılara karşı Eichsfeldde kurulan ittifak saat 14:00 te karşıt bir eylem yapacağını duyurdu ve bu eyleme antifaşistler ile vatandaşları katılmaya davet etti. Bizler bu durumun çok tehlikeli olduğunu düşünüyoruz, zira marjinal sağcı karşıtı ittifak geçen yıllarda eylemlerine 150den fazla katılımcı bulamamıştı. Bu nedenle yapılacak olan bu eylemde katılımcıların kendilerini koruma imkanları olmayacağı açıktır. Dolayısıyla o gün Leinefelde’ye gidilmemesi konusunda vatandaşları uyarmak istiyoruz. Orada yaşayan solcu arkadaşlarımızın ve göçmenlerin evlerinde kalmasını tavsiye ediyor, bölgeye yapılacak olan seyahatlerde nazilerle karşılaşmak mümkün olabileceğinden dikkatli olunmasını öneriyoruz. Bir günlük tatil yapın ve Leinefelde/Eichsfeld’den daha güzel olan başka bir yere gezmeye gidin.

تحذير

NPD في أيار يبدأ يوم ال6 نهاية هذا السببوع ,الواقع في . السبنوي في أيشسبفلد مهرجان حزب اليمين المنظم من قبل النازيين الجدد بواسبطة يجذب سبنويا مئات النازيين Mathias Fiedler و Thorsten Heise ومن المتوقع أن يصل عددالنازيين ذوي الميول العدوانية 500القادمين الى المدينة لزيارة المهرجان الموسبيقي الى نازي .لذلك نوصى سبكان المنطقة المناهضين للفاشية، واليسباريين والجانب إلى توخي الحذر الشديد,وسبائر الشخاص في هذا اليوم Leinefelde الخرين من زيارة
نظم مظاهرة مناهضة في Eichsfeld التحالف ضد اليمينيين في 14في السباعة Leinefelde ويدعو المواطنين والمناهضين للفاشية لذلك.
ونحن نعتبر هذا خطأ جسبيم وخطير ، ول سبيما بالنظر إلى أن التحالف ضد اليمينيين مهمش، وانه جلب في السبنوات الخيرة مواطنا الى الشارع 150 .ما ل يزيد عن
المظاهرة ل تسبتطيع وحدها حماية نفسبها وان الوصول الى المظاهرة و الرحيل خطر
لذلك ل ننصح بالذهاب الى هناك في هذا اليوم
ونوصي اليسباريين والجانب في المنطقة , البقاء في المنزل ننصح ايضا بأخذ الحيطة والحذر في الذهاب الى المظاهرة والعودة منها
من المحتمل مقابلة النازيين في محطة القطار والقرى المجاورة عند الذهاب للمظاهرة والعودة
انتبهوا على انفسبكم وخذوا قسبطا من الراحة واذهبوا الى Leinefelde/Eichsfeld اماكن اخرى حيث هي اجمل من

Getaggt mit , , , ,

Das Verschweigen der Kritiker – Über den Vortrag von Klaus Blees zu Critical Whiteness an der Universität Göttingen und seine autoritären Kritiker

Kritik an Critical Whiteness wird von einigen Teilen der neuen antirassistischen Linken versucht mit allen Mitteln zu verhindern oder im Nachgang zu diffamieren. Ähnlich auch im Nachhinein zu einem Vortrag von Klaus Blees diesen Januar an der Universität Göttingen. Kritik an seinem Vortrag erscheint uns selbst wichtig, wie sich im Weiteren zeigen wird, aber die Stellungnahmen, die uns aufgrund des Vortrags zugetragen wurden, scheinen den Ansprüchen einer Kritik nicht gerecht zu werden.

Nachtrag (6. April 2017): Der Fachschaftsrat Sozialwissenschaften, welcher mit uns gemeinsam die Veranstaltung „Wie kritisch ist Critical Whiteness? Zur Kritik des neueren Antirassismus“ veranstaltet hat, unterstützt jetzt ebenfalls unsere Stellungnahme.

Im Januar dieses Jahres haben wir Klaus Blees von der Aktion 3. Welt Saar zum Thema “Wie kritisch ist Critical Whiteness? Zur Kritik des neueren Antirassismus“ eingeladen. Wir sind im Vorfeld unter anderem durch ein längeres Interview von Klaus Blees und Roland Röder in der Phase 2 auf deren Beschäftigung mit dem Thema aufmerksam geworden und hatten dementsprechend selbst hohe Erwartungen an den Vortrag.1 Critical Whiteness ist mittlerweile zwar ein heiß umkämpftes Thema, doch hatten wir das Gefühl, dass sich dem Gegenstand oft nur oberflächlich angenommen wird, was einen Zugang für ein breites Publikum erschwert, allen voran hinsichtlich der komplexen Theoriegerüste, die von Critical Whiteness-Vertretern gerne lediglich schlagwortartig gebraucht werden. Umso mehr hielten wir deswegen die Einladung von Klaus Blees für lohnenswert und wichtig.

Leider wurden wir in vielerlei Hinsicht von Blees‘ Ausführungen enttäuscht. Seine Äußerungen erschienen unstrukturiert, sprunghaft und zum Verständnis der Materie nicht kohärent und ausführlich genug. Blees führte Argumente an, belegte diese aber nur marginal und sprang stattdessen lieber zum nächsten Beispiel von wahnhaften Auswüchsen der Critical Whiteness. So war zum Beispiel seine Kritik des Privilegienmodells kaum analytisch unterlegt und mehr von persönlichen Erfahrungen der eigenen Arbeit begleitet. Für den geneigten Kenner der gegenwärtigen Schlammschlachten rund um das Thema Rassismus und Critical Whiteness mag Blees‘ Vortrag anekdotenhaft und durchaus vertraut erscheinen, allerdings bot er keine umfassende Kritik der theoretischen und praktischen Ansätze der unzähligen Critical Whiteness-Gruppierungen in der deutschen, aber auch internationalen Linken.

Critical Whiteness ist in seinen aktuellen Entwicklungen für Außenstehende nur schwer nachzuvollziehen. Allzu gerne wird mit postmodernen Theoriegebilden um sich geworfen, in Debatten darauf verwiesen, dass man sich ja nicht erklären müsse, und sich vor allem popkulturell hipp, emanzipatorisch sowie gleichzeitig elitär unnahbar gegeben. Wer erstmal verstehen will, was hier als emanzipative und antirassistische Politik verkauft wird, stolpert schnell bereits über die Frage nach den eigentlichen Forderungen der Vertreter. Genau an dieser Stelle hätten Blees Ausführungen ansetzen können, um den Komplex zu öffnen und theoretische Grundlagen bzw. das Fehlen dieser aufzeigen zu können.2

Schon im Vorfeld hatten wir damit gerechnet, Kritik an der Durchführung des Vortrags zu erhalten, doch was uns im Nachgang der Veranstaltung erreichte, wird kaum dem Anspruch einer ernstzunehmenden Kritik gerecht. So erhielten wir wenige Tage nach der Veranstaltung einen Brief der “frechen Panther poc”, in dem diese den “undifferenzierten, super pauschalisierenden rassistischen Larifari Vortrag” kritisieren wollten, dabei aber mindestens genauso pauschalisierend und larifari blieben.3 Konkret ausgeführt wurde ihre Kritik nämlich an keiner Stelle und es blieb nur bei schwer nachvollziehbaren Behauptungen, die nicht nur gegen Blees selbst, sondern auch gegen den Fachschaftsrat Sozialwissenschaften der Universität Göttingen und unsere Gruppe gerichtet wurden, ganz so, als wären diese einander identisch. Wir denken, dass ein offener Umgang mit diesen Vorwürfen der szenetypischen Mythenbildung entgegenwirkt und äußern unsere Kritik klar im Bewusstsein, dass auch wir, wie oben ausgeführt, Mängel in Blees‘ Vortrag sehen, den Gegenstand seiner Kritik aber weiterhin für stark diskussionswürdig halten und Unterstellungen gegenüber ihm sowie uns selber nicht gelten lassen.

Blees wird in dem zweiseitigen Brief als blind gegenüber Rassismus diffamiert und darüber hinaus als “in jeder Hinsicht privilegiert”4 beschrieben, womit ihm auch nur die Möglichkeit, eine valide Kritik zu äußern, abgesprochen wird, da die eigene gesellschaftliche Stellung hier automatisch mit politischer Überzeugung gleichgesetzt wird. Die von Critical Whiteness Vertretern beliebte Olympia der Privilegien, die als ihr politisches Mittel greift, hätte er also gewonnen – mit der disziplinarischen Konsequenz, sich als privilegiert und weiß nur bedingt zu Themen wie Rassismus äußern zu dürfen.

Die mehrseitige Auflistung von Vorwürfen fängt damit an, dass Blees‘ Vortrag eine sogenannte “N*Wort Problematik”5 unterstellt wird, ganz so, als hätte der Vortragende konstant und kontextlos mit rassistischen Beleidigung um sich geworfen. Dies wird mit der verletzenden Wirkung des Wortes begründet und damit unterschlagen, dass Blees nicht für eine Rehabilitierung offensichtlich rassistischer Wörter wie ‘Neger’ eingetreten ist, sondern für eine Benennung rassistischer Sachverhalte.6 Blees hat hier versucht, die Unmöglichkeit offenzulegen, Kritik an Rassismus vorzubringen, wenn Kritiker selbst wegen der Zitation von Rassismus desselben beschuldigt werden. Hervorragendes Beispiel hierfür ist der vorwurfsbeladene Brief der POC-Panther selbst, die über den eigentlichen Kontext hinwegsehen.

Darüber hinaus ist die Bezeichnung des Ganzen als “N*Wort Problematik”7 wieder symptomatisch für den hilflosen Versuch von Critical Whiteness-Predigern, sich dem Sachverhalt zu entziehen, indem sie ihn nicht nennen. Dass hier jeder weiß, welches Wort gemeint ist, es also auch in ihrer Logik ohnehin ein Trigger bleibt, zeigt die Unsinnigkeit und Wirkungslosigkeit solcher Sprachpraxen auf, die letztlich doch nur als Instrumente der Diskreditierung genutzt werden.8 Denn was einmal vorgebracht wurde, lässt sich nicht so schnell aus der Welt schaffen, gerade wenn man den Sprechort stark macht.

Weiter wird Blees vorgeworfen, er würde Rassismus in Deutschland schlichtweg negieren, weil er beispielhaft eine Debatte um den rassistischen Gehalt von hautfarbenen Pflastern als “absurd” bezeichnet. Dass er nur wenige Sätze davor offen rassistische Diskriminierung in Deutschland, beispielsweise auf dem Wohnungsmarkt, anspricht, wird schlichtweg übergangen.

Ebenso wird Blees der Vorwurf gemacht, Antisemitismus unter Critical Whiteness-Anhängern herbei zu fantasieren. Dabei wurde Antisemitismus in Kreisen von Critical Whiteness-Anhängern bereits des Öfteren ausführlich von verschiedenen Gruppen thematisiert. Diese Tatsache wird hier natürlich nochmals übergangen, genau wie Blees‘ Vortragspart dazu. Ignorance is bliss. Exemplarisch ist hier die auch von Blees angeführte Debatte um die Antirassismusaktivistin Emine Aslan, die trotz öffentlicher Proteste gegen ihre offene Unterstützung der antizionistischen BDS-Bewegung und Verharmlosung von antisemitischen Terrorgruppen von der PoC Hochschulgruppe Mainz eingeladen wurde. Im Jahr davor hatten ihre antisemitischen Äußerungen bereits zum Bruch der Mainzer Asta-Koalition beigetragen.9 Antizionismus und Antisemitismus sind in großen Teilen der Critical Whiteness-Bewegung längst hoffähig und jedwede Kritik daran wird von den Apologeten aus den eigenen Reihen mit Freude übergangen. Darüber hinaus wird sich in Reihen vieler Critical Whiteness Befürworter fleißig für Frauenrechte und gegen Unterdrückung von Benachteiligten und Minderheiten engagiert, wie die Proteste gegen den zuletzt gewählten amerikanischen Präsidenten Donald Trump zeigten. Blöd nur, dass die „Women’s Marches on Washington“ von der Antisemitin und Antizionistin Linda Sarsour ins Leben gerufen wurden. Diese Frauenrechtlerin sieht in der Existenz Israels und vor allem in der Befürwortung dieser und gleichzeitigem feministischen Engagement einen unauflösbaren Konflikt und verneint, dass sich jemand für beide Angelegenheiten gleichzeitig einsetzen könne.10 In der (Queer)feministischen Szene, in der sich postmoderne Theorien mitsamt von Critical Whiteness weit verbreitet haben bzw. erst die Queere Theory begründen, sind solche Ansichten keine Seltenheit. Um nicht allzu weit über den eigenen Horizont schauen zu müssen, genügt beispielsweise auch ein Blick in die queer-feministische Szene Berlins.


Letztlich ist der wohl schwerwiegendste Vorwurf gegen Blees der, dass er “die Definitionsmacht beansprucht hat, zu bestimmen, dass eine von [der im Vortrag anwesenden frechen Panthern] weiß wäre”11. Vorausgegangen war dieser Situation, welche im Diskussionsteil der Veranstaltung stattfand, Blees‘ Kritik am Begriff People of Color als solchen, als auch den des antimuslimischen Rassismus. Insbesondere letzterer ist durch seine Ethnisierung einer Religion als kaum dem Thema angemessen anzusehen, sondern verengt den Blick auf Muslime und den Islam auf eine quasi biologistische Perspektive.12 Die stark auf eine Person bezogene Kritik von ihm halten auch wir für schwierig, da sie bloßstellend wirken kann, finden aber Blees‘ Statement zum Vorfall hierbei erhellend, da wir den Kern seiner Kritik teilen:

Der jungen Muslima – dass sie Muslima ist, kann ich nur vermuten – habe ich keineswegs ihre Rassismuserfahrungen abgesprochen. Ich habe lediglich festgestellt, dass in ihrem Fall als weiße Frau ihre Erfahrungen nicht an der Hautfarbe festzumachen sind, dass sie in diesem Sinne keine “Person of Color” ist. Das hat sie letztlich sogar bestätigt, als sie sinngemäß sagte, sie werde zum Beispiel erst ab dem Moment diskriminiert, wo sie etwas sage, also wenn Leute an ihrem Akzent merken, dass sie keine deutsche Muttersprachlerin ist. Dass sich biologistischer Rassismus nicht nur an der Hautfarbe festmacht, bestreiten wir doch nicht, im Gegenteil. Im Sinne der klassischen, meines Erachtens sinnvollen Rassismusdefinition etwa von Albert Memmi ist die Hautfarbe nur ein Aspekt.”13

Der Tenor der sogenannten Kritik, Blees würde Rassismus verleugnen oder erlebte Diskriminierung lächerlich machen, lässt sich demnach nicht aufrechterhalten. Stattdessen offenbart sich, dass Kritik an Worthülsen, wie antimuslimischer Rassismus, unterbunden werden soll. Dass eine öffentliche Debatte darum, ob eine spezifische Person weiß sei oder nicht, mehr als unglücklich ist, sehen wir ein, aber wir stellen uns gegen die Schlussfolgerung “Klaus Blees hat sich offensichtlich noch nie mit dem Begriff POC auseinandergesetzt”.

Aus dem Kontext gerissene Vortragsstellen und die darauf folgenden Anschuldigungen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Text der hiesigen PoC-Gruppe und machen es uns schwer, hier den ernsthaften Versuch einer Auseinandersetzung mit dem Vortrag zu sehen. Der Brief ist in seiner Form schwer lesbar, Vorwürfe reihen sich aneinander, ohne dabei konkret zu werden.

Es ist ein abstrahierender Subjektivismus, archetypisch für viele Critical Whiteness nahestehende Gruppen, der in der Praxis nicht mehr zwischen einzelnen Subjekten zu unterscheiden mag, sondern manichäisch die Welt einteilt, in der irregeleiteten Verzückung das revolutionäre Subjekt bereits formfertig vorgefunden zu haben, während die rassistischen Unterdrücker ebenfalls ohne langes Nachdenken identifiziert werden. Was als theoretische Überlegung gesellschaftlicher Strukturen noch abstrakt und eventuell sogar einleuchtend erscheint, offenbart so im Rückbezug auf die Praxis ihre ganze Misere. Was offensichtlich zählt, ist nicht die Kritik, sondern das dauerhafte Schweigen der Kritiker, die identifiziert werden als Rassismusapologeten und ewig Rückwärtsgewandte. Gerechtfertigt wird dies durch eine Selbstmystifizierung und Verengung des Komplexes auf subjektive Äußerungen, die weder in irgendeiner Weise Auskunft über sich geben müssen, noch eine gesellschaftliche Abstraktionsebene kennen, die über die Addition dieser Äußerungen hinausgeht. So wird subsequent ein Dialog unmöglich, eine darüber hinausweisende, politische Perspektive bleibt aus und man träumt lieber von festen und exklusiven Gruppenidentitäten, die nur zum Selbstzweck bestehen.

Am Ende des Briefes steht Klaus Blees als jemand, der “rassistische pauschalisierende Inhalte und Äußerungen verbreite[t]”14 da, ohne dass wirklich klar wird warum. Von “einige[n] freche[n] POC, die sich nicht den Mund verbieten lassen”15 kommen diese Anschuldigungen, dabei wird klar, dass nur sie versuchen, eine Diskussion dauerhaft und mit dem größtmöglichen Schaden zu unterbinden.

Wozu solche autoritären Strafbedürfnisse führen, zeigte sich nur wenige Tage später am 15. Februar an der Universität Hannover, als schließlich ein Vortrag von Blees, veranstaltet zusammen mit der Gruppe Fast Forward und luh_contra, von rund zwanzig Critical Whiteness Dogmaten so lange gestört wurde, bis dieser abgebrochen werden musste.16 Auch die Infomaterialien der Aktion 3. Welt Saar wurden entwendet, darunter ebenfalls Addresslisten mit den Namen von Interessierten. Es bleibt nur zu hoffen, dass die betroffenen Personen nicht mit einer ähnlichen Einschüchterungskampagne rechnen müssen, wie bspw. Teilnehmer und Organisatoren eines Clemens Nachtmann Vortrags in Berlin, welche an Privatadressen gefälschte AfD Urkunden geschickt bekamen.17  Was die “frechen Panther poc” nur in Worten ausgelebt haben, zeigt sich hier von seiner praktischen Seite. Was nicht sein soll, nämlich die Kritik an den eigenen dogmatischen Weltverklärungen, wird hier ganz konkret aus der Welt geschafft.

2 Wer einen Überblick über kritische Debatten zur Critical Whiteness bekommen möchte, dem seien die Beiträge von Massimo Perinelli, Robert Zwarg, Mark Smith, Paulette Gensler und natürlich auch das Interview mit der Aktion 3. Welt Saar in der Ausgabe “Weissabgleich” der Phase2 Sommer 2015 nahegelegt: http://phase-zwei.org/hefte/artikel/farben-fuehlen-571/.

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Weiter zugespitzt wird dies durch die haltlose Behauptung, Blees hätte das Wort fünfzehnmal geäußert, was de facto falsch ist. “Diese N*Wort Problematik hat sich durch den ganzen Vortrag gezogen, da er das Wort mindestens 15 mal gesagt hat.”

8 Zur weiteren Beschäftigung mit dem problematischen Gebrauch des Triggerkonzeptes: Amelung, Till Randolf: Moderne Hexenjagd gegen Diskriminierung. Eine kritische Auseinandersetzung mit der “Definitionsmacht”, in: Beissreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten, hrsg. v. Patsy L’Amour Lalove, Berlin 2017, S. 89ff.

15 Aus dem Anschreiben zum Brief an uns.

16 Weitere Informationen dazu im Aktion 3. Welt Saar Newsletter vom 20. März 2017.

Formelhaft und leer

„Erinnerungen […] sind Geister, die zwischen Leben und Tod wandeln.“ – Definitorische Annäherungen an Erinnerung

Erinnerung scheint weder ganz in der Vergangenheit zu liegen noch Teil der Gegenwart zu sein. Sie liegt zwischen diesen Dimensionen und bildet eine eigene Sphäre aus, die die beiden anderen miteinander verbindet.2  Sowohl Positives als auch Negatives kann erinnert werden. In der Erinnerung löst sich das aktuelle Geschichtsbewusstsein auf und etabliert eine Rhetorik des Erinnerns.3 Daher muss sich vor Augen geführt werden, dass Erinnerung niemals neutral oder objektiv sein kann, sie ist viel mehr selektiv.4 „Erinnerung besteht gerade darin, Vergangenheit – erinnerte, rekonstruierte und damit partiell imaginierte – in die Gegenwart zu holen.“5 Mit Hilfe von verschiedenen Formen der Bezugnahme auf Vergangenes werden ganze Welt- und Selbstbilder konstruiert. Es handelt sich also um eine Geschichtsaneignung für „identifikatorische Zwecke.“6 Darüber hinaus muss auf der Grundlage des konstruierten Charakters der Erinnerung festgehalten werden, dass sie niemals abgeschlossen sein kann und daher ohne Unterlass verhandelt und verändert wird.7 Es lässt sich festhalten: „In der Erinnerung zeigt sich nicht die Vergangenheit des Vergangenen, sondern die Vergangenheit der Gegenwart, also das, was unter gegenwärtigen Bedingungen von der Vergangenheit kollektiv erinnert wird.“8

Nationale Identitätsbildung als Grundanlass des Erinnerns

„Mit der Erfindung der Nation im 18. Jahrhundert, die das politische Subjekt der Moderne darstellt, erhält Vergangenheit ihre bis heute gültige sinn- und identitätsstiftende Bedeutung.“9  Das Eigene und Fremde wurde nicht zuletzt auch an Erinnerungen festgemacht, die die eigene Nationalität prägen sollten. Kulturtheoretisch wird kollektive Erinnerung als Selbstvergewisserung definiert. Es bildet sich ein kollektives Langzeitgedächtnis heraus, das festschreibt, welche Narrative für kommende Generationen zur Verfügung stehen sollten.10 Bei Erinnerung handelt es sich also um ein soziales Bezogensein, daher ist es exklusiv und exkludierend.11 Für gewöhnlich gehen nationale Erinnerungen auf als positiv empfundene beziehungsweise erfundene Ereignisse zurück.12 In der identitätsstiftenden Grundbedeutung der Erinnerung liegt ihr Sinn für Kollektive. Zusammenfassend lässt sich mit Hilfe von Soziologie und Geschichtswissenschaft feststellen, dass die selbstverständliche Aneignung und Institutionalisierung von Geschichte einer Gesellschaft als „Gründungselement eines jeden Nationalstaates“13 gilt. Gerade in der Erinnerungs- und Gedenkpraxis zeigen Nationen, wie sie sich als gegenwärtiges Kollektiv verstehen und wie sie von Anderen gesehen werden wollen.14 Auch in der jungen Bundesrepublik, die den Demokratisierungsvorgaben der Alliierten unterworfen war, funktionierte Identitätsbildung ganz ähnlich. Sie hatte den NS zwar gerade erst erlebt, aber keineswegs überwunden. Eine besondere Schwierigkeit bei der Erinnerung an die Shoah bestand immer schon darin, dass Erinnerung sich meist auf positive Traditionsbestände bezieht und der Shoah jegliche positive Bezugnahme fehlt.15 Trotzdem hat sich die Erinnerung an die Shoah zu einer „Staatsräson“ entwickelt, an ehemaligen Tatorten sind Gedenkstätten entstanden und diese sind institutionalisiert worden. Durch die im Jahr 1999 etablierte und 2008 weiterentwickelte Gedenkstättenkonzeption zeigt sich, wie sehr Erinnerung durch staatliche Beteiligung festgeschrieben wurde. „Bis heute ist das Geschichtsverhältnis zum Nationalsozialismus in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit im Horizont nationaler Identität betrachtet worden.“17 Astrid Messerschmidt erläutert, dass es zwei Perspektiven dieser neuen Identitätsbildung nach dem Nationalsozialismus gegeben hat: Eine abgrenzende Haltung, die über „die historische Beschädigung des Deutschseins“ klagt und eine identifizierende Haltung, die die Aufarbeitung des Nationalsozialismus für „genuin zur deutschen Identität gehörend besetzt.“18

Generationsbedingte Erinnerung der Shoah

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Bundesrepublik zeichnet sich durch Diskontinuitäten aus.“19 Die Erinnerungsansprüche und -formen verändern sich im Generationsübergang.20 Dabei folgt dieser Aufsatz der gängigen Einteilung in die TäterInnengeneration, deren Kinder (die sogenannte Nachkriegsgeneration) und die Nachkommen dieser (dritte Generation). Natürlich handelt es sich hierbei um ein theoretisches Konstrukt, eine reine Einteilung ist derart präzise nicht möglich, trotzdem lassen sich einzelne Aspekte dadurch veranschaulichen. Die Generation der TäterInnen war in ihrem kollektiven Gedächtnis dem Nationalsozialismus verhaftet.21 Die verbrecherische Geschichte wurde von einer „Kriegsgeschichte in eine Helden- und Leidensgeschichte umgedeutet“,22 die Verbrechen selbst wurden nicht thematisiert. Obwohl also die Gesellschaft den Nationalsozialismus nicht überwunden hatte, musste dieser als Gegenbild konstruiert werden, um der Forderung nach Demokratie beizukommen. Das Kriegsende wird als Kontinuitätsbruch und Identitätsänderung beschrieben.23 Natürlich handelt es sich hier um eine identitätsstiftende Maßnahme. „Um überhaupt wieder historischen Grund für gemeinschaftsbildende Zugehörigkeit und Handlungsfähigkeit zu gewinnen, mußte […] der Holocaust aus derjenigen Geschichte eliminiert werden, auf die identitätsbildend Bezug genommen wurde.“24 Somit wurde dem Nationalsozialismus eine Alterität entgegen der neuen Gesellschaft (dem Eigenen) angedichtet, sodass alle Verbrechen von der Nation gewiesen werden konnten. Der Prozess von Verdrängung bildete die Grundlage der Integration der Nazi-Elite.25 „Dieses Beschweigen gehört zur Gründungsgeschichte der neuen westdeutschen Demokratie.“26 Die zweite Generation wurde mit dem Verschweigen und Verdrängen der Elterngeneration konfrontiert und begann damit, Kontinuitäten aufzudecken. In das kollektive Gedächtnis wurde normativ eingebrannt, dass die Geschichte des Nationalsozialismus thematisiert werden muss und präsent sein soll. Es handelt sich aber trotz aller aufklärerischer Absichten um den Wunsch nach einem Schlussstrich. Festgeschrieben wurde, dass ein Erinnern gegen das Wiedererstarken von Diktaturen und die Verhinderung von Verbrechen gegen die Menschheit ausreicht. Damit konnte man sich von den Verbrechen und einer Schuldzuweisung abwenden. „Ein durchgehendes Motiv im Umgang mit den NS-Verbrechen in […] Deutschland besteht bis heute in der Abwehr eines vermuteten und stets befürchteten Schuldvorwurfs.“27 In dieser Art des Distanzierens ist es besonders paradox, dass einerseits das vergangene Geschehen bleiben und nichts mit den gegenwärtig lebenden Menschen zu tun haben soll, andererseits aber dafür genutzt werden soll, kommende Generationen moralisch zu erziehen. Von ihnen wird nämlich erwartet, dass sie auf der Grundlage des Wissens über NS-Verbrechen in der Lage sein sollen, solche Verbrechen zukünftig zu verhindern. Die nächsten Generationen sind damit konfrontiert, dass das Erinnern zum „guten Ton“ gehört und damit formelhaft erscheint, gerade wenn daraus staatstragende Ereignisse inszeniert werden.28 Weil kaum noch ZeitzeugInnen leben, ist als Erinnerungsbezugspunkt der dritten Generation nur noch das ritualisierte nationale Gedenken möglich.29 Sie werden damit konfrontiert, dass Erinnerung immer einen moralisch erziehenden Charakter hat und es wenig Spielraum gibt sich dem Gegenstand anzunähern, weil von Anfang an Konformitäts- und Uniformitätsdruck herrscht. Darin liegt möglicherweise der Grund für die sogenannte „Holocaust-Müdigkeit“.30

Heutige Erinnerungskultur und Erziehungspraxis – Adorno würde sich im Grab umdrehen

Mit Theodor W. Adorno ist Erziehung unweigerlich mit „Auschwitz“ verknüpft und hat ihren Sinn nur in der Ausbildung einer „kritischen Selbstreflexion“.31 Man bezieht sich in Deutschland auf diesen Erziehungsbegriff nur zum Anlass nationaler Selbstdarstellung – gerade dadurch aber wird er formelhaft und leer. Die derzeitige Präsentation von Erinnerung und Erziehung ist alles andere als die Anregung zur Selbstreflexion. Die Shoah wird zu einem moralischen Lerngegenstand erhoben, bei dem es nicht um eine eigentliche Auseinandersetzung geht, da „schon immer alle wissen was gemeint ist.“32 Gemeint ist eine moralische Positionierung und Anerkennung nationaler Werte und Identität, weniger eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand des Nationalsozialismus. Geschichte wird damit zu einem funktionalen Element, das die Anpassung von Individuen an den Staat herbeiführen soll, sie wird aus dem Kontext gerissen. Es wird suggeriert, dass der Nationalsozialismus nichts mit dem eigenen Selbst zu tun habe.33 Auch Entstehungsmomente, die mit dem Zivilisationsprozess einhergingen und in ihm angelegt sind, werden ausgeklammert.34 „Wiederholt wird dabei ein durchgängiges Motiv bundesdeutscher Erinnerungspolitik: die Vorstellung, ein Großteil der Bevölkerung hätte dem System zwar schweigend, aber ablehnend gegenüber gestanden.“35 Diese Exkulpationsstrategie, die der historischen Wirklichkeit entgegen steht, soll von jeder Person in der Bundesrepublik angenommen werden. Es soll ein moralisches Werturteil konstruiert werden, das den Nationalsozialismus als Negativfolie der heutigen Demokratie präsentiert. Dadurch erscheint es nicht möglich, den aktuellen Staat zu kritisieren. Eigenständigen Bewertungen wird kein Raum gelassen. Denn dazu müssten die Entstehungsbedingungen und charakterliche Dispositionen zum Nationalsozialismus in der Breite diskutiert werden.36 Geschieht dies nicht, entsteht ein lückenhaftes Bild, wie es im aktuellen kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik vorherrscht.37 Historische Ereignisse, so auch der NS, sind auf menschliche Handlungen und eine gewisse Freiheit zurückzuführen: das aufzuzeigen gälte es.38 Deshalb kann die deutsche Gesellschaft nicht zum Opfer weniger NationalsozialistInnen stilisiert werden. Um einen kritischen Umgang zu fördern muss thematisiert werden, dass die Verbrechen auf einen vorauseilenden Gehorsam und Eigeninitiative der Deutschen Bevölkerung zurückgehen.40 Erst dann ist es möglich, ein moralisches Urteil zu fällen.

[1] Szneider, Natan: Gedächtnis im Zeitalter der Globalisierung. Prinzipien für eine neue Politik im 21. Jahrhundert. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 66, 3-4/2016, Holocaust und historisches Lernen.S.12. [2] Vgl. Ebd., S.12.; Vgl Messerschmidt, Astrid: Umstrittenes Erinnern – Aneignung des Holocaust-Gedächtnisses in der Frauen- und Geschlechterforschung. in: Elisabeth Tuider (Hg.) QuerVerbindungen, interdisziplinäre Annäherung an Geschlecht, Sexualität, Ethnizität, Berlin 2008, S.229. [3] Vgl. Knigge, Volkhard: „Das radikal Böse ist das, was nicht hätte passieren dürfen.“ Unangenehme Geschichte begreifen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 66, 3-4/2016, Holocaust und historisches Lernen, S.5. [4] Vgl. Bernd Faulenbach: Erinnerungsarbeit und demokratische politische Kultur heute. in: Claudia Lenz, Jens Schmidt, Oliver von Wrochem (Hg.) Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg 2012, S. 82. [5] Ebd. S. 82. [6] Vgl. Messerschmidt,: Umstrittene Erinnern, S. 229. [7] Vgl. Szneider, Globalisierung, S.12. [8] Messerschmidt, Astrid: Erinnerung jenseits nationaler Identitätsstiftung. Perspektiven für den Umgang mit dem Holocaust-Gedächtnis in der Bildungsarbeit, in: Claudia Lenz, Jens Schmidt, Oliver von Wrochem (Hg.) Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg 2012, S. 103. [9]  Mesch, Wolfgang: „Auschwitz“ als Bildungsinhalt in der deutschen Einwanderungsgesellschaft. in: Claudia Lenz, Jens Schmidt, Oliver von Wrochem (Hg.) Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg 2012, S. 127. [10] Vgl ebd., S.127. [11] Vgl. Faulenbach, Erinnerungsarbeit,: S. 84. [12] Vgl. Szneider, Globalisierung, S. 11. [13] Mesch, Auschwitz, S. 127. [14] Vgl. Messerschmidt, Identitätsstiftung, S. 103. [15] Mesch, Auschwitz, S. 125. [16] Vgl. Knigge, unangenehme Geschichte, S.3. [17] Messerschmidt, Astrid: Geschichtsbewusstsein ohne Identitätsbesetzungen – kritische Gedenkstättenpädagogik in der Migrationsgesellschaft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 66, 3-4/2016,  Holocaust und historisches Lernen, S. 21. [18] Messerschmidt, Astrid: kritische Gedenkstättenpädagogik, S. 21. [19] Ebd., S. 16. [20] Vgl. Messerschmidt, umstrittenes Erinnern, S. 229 [21] Vgl., Rüsen, Jörn: Holocaust, Erinnerung, Identität. Drei Formen generationeller Praktiken des Erinnerns, in: Harald Welzer (Hg.) Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung, Hamburg 2001, S. 245. [22] Messerschmidt, Astrid: umstrittenes Erinnern, S. 230. [23] Vgl. Rüsen, Holocaust, S. 245. [24] Ebd., S. 246. [25] Vgl. ebd,, S. 246; vgl. Szneider, Globalisierung, S.12f. [26] Rüsen, Holocaust, S. 248. [27] Messerschmidt, kritische Gedenkstättenpädagogik, S.16. [28] Vgl Messerschmidt, umstrittenes Erinnern, S. 230. [29] Vgl. Messerschmidt,: kritische Gedenkstättenpädagogik, S.16. [30] Vgl. Messerschmidt, Astrid: Umstrittene Erinnerung, S.231. [31] Vgl. Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz, in: ders., Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969, Frankfurt a.M. 1971, S. 88. [32] Messerschmidt, umstrittenes Erinnern, S. 231. [33] Vgl. ebd. S. 231. [34] Vgl. Adorno, Erziehung, S.88. [35] Messerschmidt, umstrittenes Erinnern, S. 233. [36] Vgl. These über manipulativen Charakter: Adorno, Erziehung, S. 97 [37] Vgl. Mesch, Auschwitz, S. 130. Vgl. Messerschmidt, kritische Gedenkstättenpädagogik, S. 17.  [38] Vgl. Knigge, unangenehme Geschichte, S. 130. [39] Vgl. Goldhagen, D. J.: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996.  Literatur: Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz, in: ders., Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Helmut Becker 1959-1969, Frankfurt a.M. 1971, S. 88-104. Faulenbach, Bernd: Erinnerungsarbeit und demokratische politische Kultur heute. in: Claudia Lenz, Jens Schmidt, Oliver von Wrochem (Hg.) Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg 2012, S. 81-91. Goldhagen, D. J..: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996. Knigge, Volkhard: „Das radikal Böse ist das, was nicht hätte passieren dürfen.“ Unangenehme Geschichte begreifen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 66, 3-4/2016,  Holocaust und historisches Lernen, S.3-9. Mesch, Wolfgang: „Auschwitz“ als Bildungsinhalt in der deutschen Einwanderungsgesellschaft. in: Claudia Lenz, Jens Schmidt, Oliver von Wrochem (Hg.) Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg 2012, S. 125- 135. Messerschmidt, Astrid: Erinnerung jenseits nationaler Identitätsstiftung. Perspektiven für den Umgang mit dem Holocaust-Gedächtnis in der Bildungsarbeit, in: Claudia Lenz, Jens Schmidt, Oliver von Wrochem (Hg.) Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg 2012, S. 103- 115. Messerschmidt, Astrid: Geschichtsbewusstsein ohne Identitätsbesetzungen – kritische Gedenkstättenpädagogik in der Migrationsgesellschaft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 66, 3-4/2016,  Holocaust und historisches Lernen, S. 16-22. Messerschmidt, Astrid: Umstrittenes Erinnern – Aneignung des Holocaust-Gedächtnisses in der Frauen- und Geschlechterforschung. in: Elisabeth Tuider (Hg.) QuerVerbindungen, interdisziplinäre Annäherung an Geschlecht, Sexualität, Ethnizität, Berlin 2008, S. 227 -246. Rüsen, Jörn: Holocaust, Erinnerung, Identität. Drei Formen generationeller Praktiken des Erinnerns, in: Harald Welzer (Hg.) Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung, Hamburg 2001, S.243 – 260. Szneider, Natan: Gedächtnis im Zeitalter der Globalisierung. Prinzipien für eine neue Politik im 21. Jahrhundert. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 66, 3-4/2016, Holocaust und historisches Lernen, S. 10-15.

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Gemeinsam rumopfern – Gedenkveranstaltungen im Eichsfeld

„Nach alter Manier“ – Deutsche Gedenkkultur im Eichsfeld

Uli Krug hatte Recht, als er schrieb: „Die „Wiedergutmachung der Deutschen“ funktioniert imaginativ als Wiedergutmachung der Vorfahren.“1 In der beschaulichen Region Eichsfeld wird dieses Phänomen des deutschen Gedenkens nur allzu gut sichtbar. Die verstreuten Gemeinden reihen sich jedes Jahr erneut in endlos lange Traditions-Marathons ein. Dabei geht es in erster Linie um die Rehabilitation der Deutschen.

Die geläuterte Nation

Spätestens am Volkstrauertag finden sich jedes Jahr aufs Neue alle wichtigen Personen zu Gedenkstunden zusammen, um gemeinsam die Geschichte ein kleines bisschen mehr zu verdrängen. Die Thüringer Initiative „Volkstrauertag abschaffen!“ beschreibt diesen Sühne-Rummel treffend: „Im Lamento über die „Kriegsopfer“ und die „Opfer von Diktatur und Gewaltherrschaft“, unter der man auch gerne die Mauertoten der DDR zählt, verschwindet die deutsche Täterschaft mit dem Spezifikum des deutschen Verbrechens.“2 So lässt sich ein großes Kapital aus der Geschichte schlagen: Zähneknirschend wird die Schuld der deutschen Nation am industriellen Massenmord zugegeben, jedoch nicht, ohne auch die zu betrauern, die im Feld bei der Verteidigung des Vaterlandes und seiner mörderischen Maschinerie ihr Leben ließen.
Treffender als Christine Lieberknecht, ehemalige Ministerpräsidentin des Landes Thüringens, könnte man diese absurde Gleichsetzung nicht auf den Punkt bringen. Sie forderte einst die „Versöhnung über den Gräbern“3, ein Wunsch, der wohl vielen Deutschen sehr zusagt. Irgendwie waren schließlich alle Opfer des NS, ob nun aktiv daran beteiligt oder bis zum eigenen Tod verfolgt. So wird nicht nur die Schuld relativiert, sondern gleichzeitig eine Versöhnung seitens der Täter vorgeschlagen. Endlich scheint der lang ersehnte „Schlussstrich“ so greifbar.
Der Erinnerungsweltmeister Deutschland weiß um seine Vergangenheit. Und genau das dient dem nationalen Kollektiv zur Aufwertung. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus steht stets die moralisch begründete Ablehnung von Gewalt. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, es sei bisher niemand auch nur auf die Idee gekommen, die Ideologie des NS zu zerlegen und zu kritisieren. Statt den Reiz des nationalen Kollektivs für den einfachen Michl als zu überwindendes Phänomen anzuerkennen, fokussiert die Kritik am Nationalsozialismus die militärische Elite, einzelne Demagogen und eine Aneinanderreihung unglücklicher Umstände, denen sich die Menschen im „Dritten Reich“ beugen mussten. Endlich können sich die Deutschen als eigentliche Opfer des Zweiten Weltkrieges wähnen, der so viel Schande über den Ruf der eigenen Nation gebracht hat.
Im gesamten Eichsfeld finden sich über die Dörfer verstreut sogenannte Kriegerdenkmale. Mit Inschriften wie „Den Toten zur Ehrung, den Lebenden zur Mahnung“ (Steinrode) oder „Zum Gedenken an unsere Gefallenen, Vermissten und Verschleppten aus zwei Weltkriegen. Als Mahnung für Frieden und Versöhnung“ erfüllt das Gedenken vor Ort gleich zwei Sehnsüchte der deutschen Erinnerungskultur. Erstens stellt es die Verbindung zu den (Ur-)Großvätern her und würdigt ihren Einsatz für den Nationalsozialismus, zweitens teilt es dem Betrachter und der Weltöffentlichkeit mit: „Wir haben aus der Vergangenheit gelernt.“ Ganz offen hofieren die Stelen, Denkmäler und Steintafeln die Soldaten der Wehrmacht und wollen gleichzeitig mahnen. Um es mit den Worten Paul Spiegels zu kommentieren: „Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder.“

Tradition schlägt jeden Trend

Konkret äußert sich dies nicht nur in den absurden Reden und dem gemeinsamen Rumgeopfere am Volkstrauertag, sondern besonders im Frühjahr und im Herbst jeden Jahres in zahlreichen Dörfern des Eichsfeldes. Die verschlafene Region mit ihren katholischen Ritualen freut sich darauf, dass einmal was los ist im Dorf, Schüler*innen werden vom Unterricht aus „Kulturellen Gründen“ beurlaubt, die Gastwirtschaften machen ihren Jahresumsatz: Es ist wieder Kirmessaison. Vor allem zur so genannten Burschenkirmes zelebrieren junge und sich für jung geblieben haltende Männer das Kirchweihfest. Das läuft beispielsweise in Jützenbach so ab: „Musikalisch umrahmt wurde die Messe vom Kirchenchor. Nach dem Segen ging es zum Kriegerdenkmal. Bei einer Andacht gedachte die Gemeinde der Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege, Vertreter der Kirmesburschen legten einen Kranz nieder. Dann folgte ein zünftiger Frühschoppen.“4 In vielen Ortschaften ist es Brauch, den deutschen „Opfern“ des Nationalsozialismus in dieser Form die letzte Ehre zu erweisen. In Jützenbach tut man dies an einer Gedenkstele, auf der steht: „Es starben fürs Vaterland die Helden.“ Doch das Dorf ist damit keine Ausnahme. Andere Denkmale tragen Inschriften wie „Ihren tapferen Söhnen in treuem Gedenken“ (Kreuzebra) und „Sie starben getreu den Überlieferungen ihrer Familie für König und Vaterland den Heldentod“ (Bornhagen, Denkmal für beide Weltkriege), oder „Dem Andenken der im Weltkriege gefallenen Helden der Gemeinde Silberhausen gewidmet“ (Silberhausen).
Wie sehr vor allem die Dorfjugend ihren kollektiven Bräuchen und Zwängen hängt, zeigt sich daran, wie entrüstet sie reagiert, wenn man das Gedenken anlässlich der Kirmes kritisiert: Man wird darauf hingewiesen, dass auf einmal die Nationalsozialisten an der Macht waren und eh man sich versah, fanden sich Hugo, Martin und Horst im Russlandfeldzug wieder. Vor allem auf den Dörfern sei der Nationalsozialismus nie so richtig in Erscheinung getreten und das einzige, was man hier an Erfahrungen habe, sei der Verlust der „Söhne des Vaterlandes.“ Dass Deutsche mit Hinblick auf die Zeit von 1933-1945 eine überwältigende Gedächtnislücke aufweisen, ist hinlänglich bekannt. Obwohl die wenigen mit einer Website bedachten Kirmesvereine der Region oftmals einen extra Eintrag zu ihrer Geschichte haben, wird auch dort dieser Abschnitt völlig ausgelassen.5

Vergeben und Vergessen

Was passiert also während der Kranzniederlegungen? Fast könnte man den Eindruck gewinnen, der Nationalsozialismus habe im Eichsfeld nicht stattgefunden und stattdessen hätten ein paar Fanatiker aus Berlin der Region die Männer geraubt, um sie an den Fronten zu verheizen. Doch auch im Eichsfeld zeigte sich die nationalsozialistische Barbarei. 1939 wurden in Ershausen 93 geistig behinderte Kinder und Jugendliche deportiert.6 In vielen Orten der Region, darunter Haynrode, Kirchworbis oder Geismar, wurden Zwangsarbeiter aus Polen und der Ukraine eingesetzt. In Reifenstein gab es ein Sonderlager für Selbige. 1944 wurde in Bischofferode ein Außenlager des KZs Mittelbau-Dora im Bereich der Wintershall AG angelegt. Darüber wird jedoch nur ungern gesprochen. Heute gedenkt man beispielsweise in Geismar auf dem Friedhof ungeachtet der 5 Zwangssterilisationen im Jahr 19437 lieber „Den gefallenen deutschen Helden.“ Bei derartigen Wortlauten geht es nicht mehr nur „um eine Verharmlosung der nationalsozialistischen Geschichte, wie etwa in den Veranstaltungen der deutschen Mainstream-Gedenkpolitik, sondern um eine Glorifizierung“8. Während die Gedenkredner beispielsweise zum Volkstrauertag durch die permanente Verbrüderung mit den nationalsozialistischen Tätern die deutsche Schuld nachhaltig verwischen, nimmt man hier positiv auf die Taten der Nationalsozialisten Bezug. Statt einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Orte und ihrer Bewohner strebt die Dorfgemeinschaft eine „Entschuldigung“ im schlechtesten Sinne an: Gemeint ist keine Entschädigung9 oder Aufarbeitung, sondern ein einfaches Ende der Schuld bei gleichzeitigem Bejubeln der Täter. Von Re-Education fehlt jede Spur, stattdessen sind die viel betrauerten Täter omnipräsent, was nicht zuletzt an der Emotionalisierung der Debatte liegt. „Nicht mehr die Leugnung des Unleugbaren, wie noch vor 40 Jahren, als wirkliche Täter (und ihre entsprechend parentifizierten Nachkommen) das öffentliche Klima bestimmten, macht das Verstockte aus, sondern die Rückprojektion der eigenen Unschuld in die Familiengeschichte des Kollektivs.“10 So erfüllt das 10-20 minütige Gedenken der Dorfgemeinschaft an den Gräbern ihres Volkes in Form der Kriegerdenkmale in erster Linie den Zweck der moralischen Rehabilitation und der damit einhergehenden Verdrehung der Geschichte.

1 Uli Krug: Böser Adolf, guter Richard, Bahamas Nr. 71, 2015
2 Initiative „Volkstrauertag Abschaffen!“ in der gleichnamigen Broschüre, 2015, Seite 5
3 Ebd.
4 Christoph Schmidt: Kirmes in Jützenbach: So ausgelassen feierten die Eichsfelder, Thüringer Allgemeine, 21.10.2015
5 Dass Kirmes im Nationalsozialismus in einem anderen Rahmen oder wie 1939 zum Kriegsbeginn größtenteils gar nicht gefeiert wurde, ist uns bewusst. Eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Zeit für die Vereine ist jedoch aus unserer Sicht unabdingbar.
6 Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und Studienkreis deutscher Widerstand 1933-1945 (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Reihe: Heimatgeschichtliche Wegweiser Band 8 Thüringen, Erfurt 2003, S. 43, ISBN 3-88864-343-0
7 Ebd.
8 Initiative „Volkstrauertag Abschaffen!“ in der gleichnamigen Broschüre, 2015, S. 26
9 Mehr Infos zu Entschädigungen liefert zB die Kampagne makezoopay.tumblr.com
10 Uli Krug: Böser Adolf, guter Richard, Bahamas Nr. 71, 2015