Zur Metaphysik der dummen Kerle – das Lutherjubiläum 2017

19723801_1223736661069814_986972159_o„Verbrenne ihre Synagogen, zwinge sie zur Arbeit.“

Zum fünfhundertjährigen Reformationsjubiläum rücken die Käßmanns und Steinmeiers der Bundesrepublik zusammen, postulieren die „Verständigung der Völker“ und rufen zum „Frieden der Welt“ auf. Die ominösen Schattenseiten Luthers, allen voran protomoderner Antisemitismus, Aberglaube, Arbeitsfetisch und Vernunftfeindschaft, werden läuternd eingebettet in ein aufgeklärtes Narrativ, in dem auch das „Recht auf Irrtum“ für den Wittenberger Mönch Platz findet.

Um ihre eigene Tätervergangenheit im Nationalsozialismus nicht als logische Konsequenz der lutherischen Theologie begreifen zu müssen, deutet die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) jene zum Schicksalsschlag um. Die notwendige Erkenntnis, dass Luther den katholisch-sakramentalen Vernunftglauben des Mittelalters durch brutalen Nominalismus ersetzte, ist bisher viel zu sehr Randnotiz geblieben. Der protestantische Vernunfthass und die totale Innerlichkeit sind eins: das göttliche Gewissen sorgt für den klaffenden Riss zwischen vereinzeltem Individuum und Natur. Vernunft wird zur privaten Marotte degradiert, die als instrumentelle zwar wünschenswert die herrschende Ordnung aufrechterhält, aber als spekulative den direkten Weg zum Teufel vorgibt.

In der protestantischen Tugendethik versammelt sich irrational-abstrakter Glaube mit knallharter Praxis. Die Jenseitsverbundenheit des Reformators zeigt Ähnlichkeiten zum islamischen Todeskult: Als negative Abziehfolie des himmlischen Reiches soll möglichst jede transzendentale Regung, jede Lust und Sinnlichkeit im irdischen Leben ausgemerzt werden, weil sie den Rest messianischer Versprechungen am Leben erhält, deren Erbe sich die Kritische Theorie verpflichtet hat. Heutige linke Atheisten und andere pseudokritische Geister sind unfähig zur treffenden Analyse Luthers – als modernen Fundamentalisten, der hinter die jüdisch-katholische Objektivität zurückfiel und verstaubte Vorurteile längst gegen rebellische Kalkulation getauscht hatte. Ihnen sind die Schlagworte Toleranz und Freiheit genauso zur Ideologie geworden wie dem geläuterten Protestantentum.

Dienstag, 11.Juli | 18 Uhr | Café Kabale

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