Das Verschweigen der Kritiker – Über den Vortrag von Klaus Blees zu Critical Whiteness an der Universität Göttingen und seine autoritären Kritiker

Kritik an Critical Whiteness wird von einigen Teilen der neuen antirassistischen Linken versucht mit allen Mitteln zu verhindern oder im Nachgang zu diffamieren. Ähnlich auch im Nachhinein zu einem Vortrag von Klaus Blees diesen Januar an der Universität Göttingen. Kritik an seinem Vortrag erscheint uns selbst wichtig, wie sich im Weiteren zeigen wird, aber die Stellungnahmen, die uns aufgrund des Vortrags zugetragen wurden, scheinen den Ansprüchen einer Kritik nicht gerecht zu werden.

Nachtrag (6. April 2017): Der Fachschaftsrat Sozialwissenschaften, welcher mit uns gemeinsam die Veranstaltung „Wie kritisch ist Critical Whiteness? Zur Kritik des neueren Antirassismus“ veranstaltet hat, unterstützt jetzt ebenfalls unsere Stellungnahme.

Im Januar dieses Jahres haben wir Klaus Blees von der Aktion 3. Welt Saar zum Thema “Wie kritisch ist Critical Whiteness? Zur Kritik des neueren Antirassismus“ eingeladen. Wir sind im Vorfeld unter anderem durch ein längeres Interview von Klaus Blees und Roland Röder in der Phase 2 auf deren Beschäftigung mit dem Thema aufmerksam geworden und hatten dementsprechend selbst hohe Erwartungen an den Vortrag.1 Critical Whiteness ist mittlerweile zwar ein heiß umkämpftes Thema, doch hatten wir das Gefühl, dass sich dem Gegenstand oft nur oberflächlich angenommen wird, was einen Zugang für ein breites Publikum erschwert, allen voran hinsichtlich der komplexen Theoriegerüste, die von Critical Whiteness-Vertretern gerne lediglich schlagwortartig gebraucht werden. Umso mehr hielten wir deswegen die Einladung von Klaus Blees für lohnenswert und wichtig.

Leider wurden wir in vielerlei Hinsicht von Blees‘ Ausführungen enttäuscht. Seine Äußerungen erschienen unstrukturiert, sprunghaft und zum Verständnis der Materie nicht kohärent und ausführlich genug. Blees führte Argumente an, belegte diese aber nur marginal und sprang stattdessen lieber zum nächsten Beispiel von wahnhaften Auswüchsen der Critical Whiteness. So war zum Beispiel seine Kritik des Privilegienmodells kaum analytisch unterlegt und mehr von persönlichen Erfahrungen der eigenen Arbeit begleitet. Für den geneigten Kenner der gegenwärtigen Schlammschlachten rund um das Thema Rassismus und Critical Whiteness mag Blees‘ Vortrag anekdotenhaft und durchaus vertraut erscheinen, allerdings bot er keine umfassende Kritik der theoretischen und praktischen Ansätze der unzähligen Critical Whiteness-Gruppierungen in der deutschen, aber auch internationalen Linken.

Critical Whiteness ist in seinen aktuellen Entwicklungen für Außenstehende nur schwer nachzuvollziehen. Allzu gerne wird mit postmodernen Theoriegebilden um sich geworfen, in Debatten darauf verwiesen, dass man sich ja nicht erklären müsse, und sich vor allem popkulturell hipp, emanzipatorisch sowie gleichzeitig elitär unnahbar gegeben. Wer erstmal verstehen will, was hier als emanzipative und antirassistische Politik verkauft wird, stolpert schnell bereits über die Frage nach den eigentlichen Forderungen der Vertreter. Genau an dieser Stelle hätten Blees Ausführungen ansetzen können, um den Komplex zu öffnen und theoretische Grundlagen bzw. das Fehlen dieser aufzeigen zu können.2

Schon im Vorfeld hatten wir damit gerechnet, Kritik an der Durchführung des Vortrags zu erhalten, doch was uns im Nachgang der Veranstaltung erreichte, wird kaum dem Anspruch einer ernstzunehmenden Kritik gerecht. So erhielten wir wenige Tage nach der Veranstaltung einen Brief der “frechen Panther poc”, in dem diese den “undifferenzierten, super pauschalisierenden rassistischen Larifari Vortrag” kritisieren wollten, dabei aber mindestens genauso pauschalisierend und larifari blieben.3 Konkret ausgeführt wurde ihre Kritik nämlich an keiner Stelle und es blieb nur bei schwer nachvollziehbaren Behauptungen, die nicht nur gegen Blees selbst, sondern auch gegen den Fachschaftsrat Sozialwissenschaften der Universität Göttingen und unsere Gruppe gerichtet wurden, ganz so, als wären diese einander identisch. Wir denken, dass ein offener Umgang mit diesen Vorwürfen der szenetypischen Mythenbildung entgegenwirkt und äußern unsere Kritik klar im Bewusstsein, dass auch wir, wie oben ausgeführt, Mängel in Blees‘ Vortrag sehen, den Gegenstand seiner Kritik aber weiterhin für stark diskussionswürdig halten und Unterstellungen gegenüber ihm sowie uns selber nicht gelten lassen.

Blees wird in dem zweiseitigen Brief als blind gegenüber Rassismus diffamiert und darüber hinaus als “in jeder Hinsicht privilegiert”4 beschrieben, womit ihm auch nur die Möglichkeit, eine valide Kritik zu äußern, abgesprochen wird, da die eigene gesellschaftliche Stellung hier automatisch mit politischer Überzeugung gleichgesetzt wird. Die von Critical Whiteness Vertretern beliebte Olympia der Privilegien, die als ihr politisches Mittel greift, hätte er also gewonnen – mit der disziplinarischen Konsequenz, sich als privilegiert und weiß nur bedingt zu Themen wie Rassismus äußern zu dürfen.

Die mehrseitige Auflistung von Vorwürfen fängt damit an, dass Blees‘ Vortrag eine sogenannte “N*Wort Problematik”5 unterstellt wird, ganz so, als hätte der Vortragende konstant und kontextlos mit rassistischen Beleidigung um sich geworfen. Dies wird mit der verletzenden Wirkung des Wortes begründet und damit unterschlagen, dass Blees nicht für eine Rehabilitierung offensichtlich rassistischer Wörter wie ‘Neger’ eingetreten ist, sondern für eine Benennung rassistischer Sachverhalte.6 Blees hat hier versucht, die Unmöglichkeit offenzulegen, Kritik an Rassismus vorzubringen, wenn Kritiker selbst wegen der Zitation von Rassismus desselben beschuldigt werden. Hervorragendes Beispiel hierfür ist der vorwurfsbeladene Brief der POC-Panther selbst, die über den eigentlichen Kontext hinwegsehen.

Darüber hinaus ist die Bezeichnung des Ganzen als “N*Wort Problematik”7 wieder symptomatisch für den hilflosen Versuch von Critical Whiteness-Predigern, sich dem Sachverhalt zu entziehen, indem sie ihn nicht nennen. Dass hier jeder weiß, welches Wort gemeint ist, es also auch in ihrer Logik ohnehin ein Trigger bleibt, zeigt die Unsinnigkeit und Wirkungslosigkeit solcher Sprachpraxen auf, die letztlich doch nur als Instrumente der Diskreditierung genutzt werden.8 Denn was einmal vorgebracht wurde, lässt sich nicht so schnell aus der Welt schaffen, gerade wenn man den Sprechort stark macht.

Weiter wird Blees vorgeworfen, er würde Rassismus in Deutschland schlichtweg negieren, weil er beispielhaft eine Debatte um den rassistischen Gehalt von hautfarbenen Pflastern als “absurd” bezeichnet. Dass er nur wenige Sätze davor offen rassistische Diskriminierung in Deutschland, beispielsweise auf dem Wohnungsmarkt, anspricht, wird schlichtweg übergangen.

Ebenso wird Blees der Vorwurf gemacht, Antisemitismus unter Critical Whiteness-Anhängern herbei zu fantasieren. Dabei wurde Antisemitismus in Kreisen von Critical Whiteness-Anhängern bereits des Öfteren ausführlich von verschiedenen Gruppen thematisiert. Diese Tatsache wird hier natürlich nochmals übergangen, genau wie Blees‘ Vortragspart dazu. Ignorance is bliss. Exemplarisch ist hier die auch von Blees angeführte Debatte um die Antirassismusaktivistin Emine Aslan, die trotz öffentlicher Proteste gegen ihre offene Unterstützung der antizionistischen BDS-Bewegung und Verharmlosung von antisemitischen Terrorgruppen von der PoC Hochschulgruppe Mainz eingeladen wurde. Im Jahr davor hatten ihre antisemitischen Äußerungen bereits zum Bruch der Mainzer Asta-Koalition beigetragen.9 Antizionismus und Antisemitismus sind in großen Teilen der Critical Whiteness-Bewegung längst hoffähig und jedwede Kritik daran wird von den Apologeten aus den eigenen Reihen mit Freude übergangen. Darüber hinaus wird sich in Reihen vieler Critical Whiteness Befürworter fleißig für Frauenrechte und gegen Unterdrückung von Benachteiligten und Minderheiten engagiert, wie die Proteste gegen den zuletzt gewählten amerikanischen Präsidenten Donald Trump zeigten. Blöd nur, dass die „Women’s Marches on Washington“ von der Antisemitin und Antizionistin Linda Sarsour ins Leben gerufen wurden. Diese Frauenrechtlerin sieht in der Existenz Israels und vor allem in der Befürwortung dieser und gleichzeitigem feministischen Engagement einen unauflösbaren Konflikt und verneint, dass sich jemand für beide Angelegenheiten gleichzeitig einsetzen könne.10 In der (Queer)feministischen Szene, in der sich postmoderne Theorien mitsamt von Critical Whiteness weit verbreitet haben bzw. erst die Queere Theory begründen, sind solche Ansichten keine Seltenheit. Um nicht allzu weit über den eigenen Horizont schauen zu müssen, genügt beispielsweise auch ein Blick in die queer-feministische Szene Berlins.


Letztlich ist der wohl schwerwiegendste Vorwurf gegen Blees der, dass er “die Definitionsmacht beansprucht hat, zu bestimmen, dass eine von [der im Vortrag anwesenden frechen Panthern] weiß wäre”11. Vorausgegangen war dieser Situation, welche im Diskussionsteil der Veranstaltung stattfand, Blees‘ Kritik am Begriff People of Color als solchen, als auch den des antimuslimischen Rassismus. Insbesondere letzterer ist durch seine Ethnisierung einer Religion als kaum dem Thema angemessen anzusehen, sondern verengt den Blick auf Muslime und den Islam auf eine quasi biologistische Perspektive.12 Die stark auf eine Person bezogene Kritik von ihm halten auch wir für schwierig, da sie bloßstellend wirken kann, finden aber Blees‘ Statement zum Vorfall hierbei erhellend, da wir den Kern seiner Kritik teilen:

Der jungen Muslima – dass sie Muslima ist, kann ich nur vermuten – habe ich keineswegs ihre Rassismuserfahrungen abgesprochen. Ich habe lediglich festgestellt, dass in ihrem Fall als weiße Frau ihre Erfahrungen nicht an der Hautfarbe festzumachen sind, dass sie in diesem Sinne keine “Person of Color” ist. Das hat sie letztlich sogar bestätigt, als sie sinngemäß sagte, sie werde zum Beispiel erst ab dem Moment diskriminiert, wo sie etwas sage, also wenn Leute an ihrem Akzent merken, dass sie keine deutsche Muttersprachlerin ist. Dass sich biologistischer Rassismus nicht nur an der Hautfarbe festmacht, bestreiten wir doch nicht, im Gegenteil. Im Sinne der klassischen, meines Erachtens sinnvollen Rassismusdefinition etwa von Albert Memmi ist die Hautfarbe nur ein Aspekt.”13

Der Tenor der sogenannten Kritik, Blees würde Rassismus verleugnen oder erlebte Diskriminierung lächerlich machen, lässt sich demnach nicht aufrechterhalten. Stattdessen offenbart sich, dass Kritik an Worthülsen, wie antimuslimischer Rassismus, unterbunden werden soll. Dass eine öffentliche Debatte darum, ob eine spezifische Person weiß sei oder nicht, mehr als unglücklich ist, sehen wir ein, aber wir stellen uns gegen die Schlussfolgerung “Klaus Blees hat sich offensichtlich noch nie mit dem Begriff POC auseinandergesetzt”.

Aus dem Kontext gerissene Vortragsstellen und die darauf folgenden Anschuldigungen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Text der hiesigen PoC-Gruppe und machen es uns schwer, hier den ernsthaften Versuch einer Auseinandersetzung mit dem Vortrag zu sehen. Der Brief ist in seiner Form schwer lesbar, Vorwürfe reihen sich aneinander, ohne dabei konkret zu werden.

Es ist ein abstrahierender Subjektivismus, archetypisch für viele Critical Whiteness nahestehende Gruppen, der in der Praxis nicht mehr zwischen einzelnen Subjekten zu unterscheiden mag, sondern manichäisch die Welt einteilt, in der irregeleiteten Verzückung das revolutionäre Subjekt bereits formfertig vorgefunden zu haben, während die rassistischen Unterdrücker ebenfalls ohne langes Nachdenken identifiziert werden. Was als theoretische Überlegung gesellschaftlicher Strukturen noch abstrakt und eventuell sogar einleuchtend erscheint, offenbart so im Rückbezug auf die Praxis ihre ganze Misere. Was offensichtlich zählt, ist nicht die Kritik, sondern das dauerhafte Schweigen der Kritiker, die identifiziert werden als Rassismusapologeten und ewig Rückwärtsgewandte. Gerechtfertigt wird dies durch eine Selbstmystifizierung und Verengung des Komplexes auf subjektive Äußerungen, die weder in irgendeiner Weise Auskunft über sich geben müssen, noch eine gesellschaftliche Abstraktionsebene kennen, die über die Addition dieser Äußerungen hinausgeht. So wird subsequent ein Dialog unmöglich, eine darüber hinausweisende, politische Perspektive bleibt aus und man träumt lieber von festen und exklusiven Gruppenidentitäten, die nur zum Selbstzweck bestehen.

Am Ende des Briefes steht Klaus Blees als jemand, der “rassistische pauschalisierende Inhalte und Äußerungen verbreite[t]”14 da, ohne dass wirklich klar wird warum. Von “einige[n] freche[n] POC, die sich nicht den Mund verbieten lassen”15 kommen diese Anschuldigungen, dabei wird klar, dass nur sie versuchen, eine Diskussion dauerhaft und mit dem größtmöglichen Schaden zu unterbinden.

Wozu solche autoritären Strafbedürfnisse führen, zeigte sich nur wenige Tage später am 15. Februar an der Universität Hannover, als schließlich ein Vortrag von Blees, veranstaltet zusammen mit der Gruppe Fast Forward und luh_contra, von rund zwanzig Critical Whiteness Dogmaten so lange gestört wurde, bis dieser abgebrochen werden musste.16 Auch die Infomaterialien der Aktion 3. Welt Saar wurden entwendet, darunter ebenfalls Addresslisten mit den Namen von Interessierten. Es bleibt nur zu hoffen, dass die betroffenen Personen nicht mit einer ähnlichen Einschüchterungskampagne rechnen müssen, wie bspw. Teilnehmer und Organisatoren eines Clemens Nachtmann Vortrags in Berlin, welche an Privatadressen gefälschte AfD Urkunden geschickt bekamen.17  Was die “frechen Panther poc” nur in Worten ausgelebt haben, zeigt sich hier von seiner praktischen Seite. Was nicht sein soll, nämlich die Kritik an den eigenen dogmatischen Weltverklärungen, wird hier ganz konkret aus der Welt geschafft.

2 Wer einen Überblick über kritische Debatten zur Critical Whiteness bekommen möchte, dem seien die Beiträge von Massimo Perinelli, Robert Zwarg, Mark Smith, Paulette Gensler und natürlich auch das Interview mit der Aktion 3. Welt Saar in der Ausgabe “Weissabgleich” der Phase2 Sommer 2015 nahegelegt: http://phase-zwei.org/hefte/artikel/farben-fuehlen-571/.

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Weiter zugespitzt wird dies durch die haltlose Behauptung, Blees hätte das Wort fünfzehnmal geäußert, was de facto falsch ist. “Diese N*Wort Problematik hat sich durch den ganzen Vortrag gezogen, da er das Wort mindestens 15 mal gesagt hat.”

8 Zur weiteren Beschäftigung mit dem problematischen Gebrauch des Triggerkonzeptes: Amelung, Till Randolf: Moderne Hexenjagd gegen Diskriminierung. Eine kritische Auseinandersetzung mit der “Definitionsmacht”, in: Beissreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten, hrsg. v. Patsy L’Amour Lalove, Berlin 2017, S. 89ff.

15 Aus dem Anschreiben zum Brief an uns.

16 Weitere Informationen dazu im Aktion 3. Welt Saar Newsletter vom 20. März 2017.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: