Gemeinsam rumopfern – Gedenkveranstaltungen im Eichsfeld

„Nach alter Manier“ – Deutsche Gedenkkultur im Eichsfeld

Uli Krug hatte Recht, als er schrieb: „Die „Wiedergutmachung der Deutschen“ funktioniert imaginativ als Wiedergutmachung der Vorfahren.“1 In der beschaulichen Region Eichsfeld wird dieses Phänomen des deutschen Gedenkens nur allzu gut sichtbar. Die verstreuten Gemeinden reihen sich jedes Jahr erneut in endlos lange Traditions-Marathons ein. Dabei geht es in erster Linie um die Rehabilitation der Deutschen.

Die geläuterte Nation

Spätestens am Volkstrauertag finden sich jedes Jahr aufs Neue alle wichtigen Personen zu Gedenkstunden zusammen, um gemeinsam die Geschichte ein kleines bisschen mehr zu verdrängen. Die Thüringer Initiative „Volkstrauertag abschaffen!“ beschreibt diesen Sühne-Rummel treffend: „Im Lamento über die „Kriegsopfer“ und die „Opfer von Diktatur und Gewaltherrschaft“, unter der man auch gerne die Mauertoten der DDR zählt, verschwindet die deutsche Täterschaft mit dem Spezifikum des deutschen Verbrechens.“2 So lässt sich ein großes Kapital aus der Geschichte schlagen: Zähneknirschend wird die Schuld der deutschen Nation am industriellen Massenmord zugegeben, jedoch nicht, ohne auch die zu betrauern, die im Feld bei der Verteidigung des Vaterlandes und seiner mörderischen Maschinerie ihr Leben ließen.
Treffender als Christine Lieberknecht, ehemalige Ministerpräsidentin des Landes Thüringens, könnte man diese absurde Gleichsetzung nicht auf den Punkt bringen. Sie forderte einst die „Versöhnung über den Gräbern“3, ein Wunsch, der wohl vielen Deutschen sehr zusagt. Irgendwie waren schließlich alle Opfer des NS, ob nun aktiv daran beteiligt oder bis zum eigenen Tod verfolgt. So wird nicht nur die Schuld relativiert, sondern gleichzeitig eine Versöhnung seitens der Täter vorgeschlagen. Endlich scheint der lang ersehnte „Schlussstrich“ so greifbar.
Der Erinnerungsweltmeister Deutschland weiß um seine Vergangenheit. Und genau das dient dem nationalen Kollektiv zur Aufwertung. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus steht stets die moralisch begründete Ablehnung von Gewalt. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, es sei bisher niemand auch nur auf die Idee gekommen, die Ideologie des NS zu zerlegen und zu kritisieren. Statt den Reiz des nationalen Kollektivs für den einfachen Michl als zu überwindendes Phänomen anzuerkennen, fokussiert die Kritik am Nationalsozialismus die militärische Elite, einzelne Demagogen und eine Aneinanderreihung unglücklicher Umstände, denen sich die Menschen im „Dritten Reich“ beugen mussten. Endlich können sich die Deutschen als eigentliche Opfer des Zweiten Weltkrieges wähnen, der so viel Schande über den Ruf der eigenen Nation gebracht hat.
Im gesamten Eichsfeld finden sich über die Dörfer verstreut sogenannte Kriegerdenkmale. Mit Inschriften wie „Den Toten zur Ehrung, den Lebenden zur Mahnung“ (Steinrode) oder „Zum Gedenken an unsere Gefallenen, Vermissten und Verschleppten aus zwei Weltkriegen. Als Mahnung für Frieden und Versöhnung“ erfüllt das Gedenken vor Ort gleich zwei Sehnsüchte der deutschen Erinnerungskultur. Erstens stellt es die Verbindung zu den (Ur-)Großvätern her und würdigt ihren Einsatz für den Nationalsozialismus, zweitens teilt es dem Betrachter und der Weltöffentlichkeit mit: „Wir haben aus der Vergangenheit gelernt.“ Ganz offen hofieren die Stelen, Denkmäler und Steintafeln die Soldaten der Wehrmacht und wollen gleichzeitig mahnen. Um es mit den Worten Paul Spiegels zu kommentieren: „Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder.“

Tradition schlägt jeden Trend

Konkret äußert sich dies nicht nur in den absurden Reden und dem gemeinsamen Rumgeopfere am Volkstrauertag, sondern besonders im Frühjahr und im Herbst jeden Jahres in zahlreichen Dörfern des Eichsfeldes. Die verschlafene Region mit ihren katholischen Ritualen freut sich darauf, dass einmal was los ist im Dorf, Schüler*innen werden vom Unterricht aus „Kulturellen Gründen“ beurlaubt, die Gastwirtschaften machen ihren Jahresumsatz: Es ist wieder Kirmessaison. Vor allem zur so genannten Burschenkirmes zelebrieren junge und sich für jung geblieben haltende Männer das Kirchweihfest. Das läuft beispielsweise in Jützenbach so ab: „Musikalisch umrahmt wurde die Messe vom Kirchenchor. Nach dem Segen ging es zum Kriegerdenkmal. Bei einer Andacht gedachte die Gemeinde der Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege, Vertreter der Kirmesburschen legten einen Kranz nieder. Dann folgte ein zünftiger Frühschoppen.“4 In vielen Ortschaften ist es Brauch, den deutschen „Opfern“ des Nationalsozialismus in dieser Form die letzte Ehre zu erweisen. In Jützenbach tut man dies an einer Gedenkstele, auf der steht: „Es starben fürs Vaterland die Helden.“ Doch das Dorf ist damit keine Ausnahme. Andere Denkmale tragen Inschriften wie „Ihren tapferen Söhnen in treuem Gedenken“ (Kreuzebra) und „Sie starben getreu den Überlieferungen ihrer Familie für König und Vaterland den Heldentod“ (Bornhagen, Denkmal für beide Weltkriege), oder „Dem Andenken der im Weltkriege gefallenen Helden der Gemeinde Silberhausen gewidmet“ (Silberhausen).
Wie sehr vor allem die Dorfjugend ihren kollektiven Bräuchen und Zwängen hängt, zeigt sich daran, wie entrüstet sie reagiert, wenn man das Gedenken anlässlich der Kirmes kritisiert: Man wird darauf hingewiesen, dass auf einmal die Nationalsozialisten an der Macht waren und eh man sich versah, fanden sich Hugo, Martin und Horst im Russlandfeldzug wieder. Vor allem auf den Dörfern sei der Nationalsozialismus nie so richtig in Erscheinung getreten und das einzige, was man hier an Erfahrungen habe, sei der Verlust der „Söhne des Vaterlandes.“ Dass Deutsche mit Hinblick auf die Zeit von 1933-1945 eine überwältigende Gedächtnislücke aufweisen, ist hinlänglich bekannt. Obwohl die wenigen mit einer Website bedachten Kirmesvereine der Region oftmals einen extra Eintrag zu ihrer Geschichte haben, wird auch dort dieser Abschnitt völlig ausgelassen.5

Vergeben und Vergessen

Was passiert also während der Kranzniederlegungen? Fast könnte man den Eindruck gewinnen, der Nationalsozialismus habe im Eichsfeld nicht stattgefunden und stattdessen hätten ein paar Fanatiker aus Berlin der Region die Männer geraubt, um sie an den Fronten zu verheizen. Doch auch im Eichsfeld zeigte sich die nationalsozialistische Barbarei. 1939 wurden in Ershausen 93 geistig behinderte Kinder und Jugendliche deportiert.6 In vielen Orten der Region, darunter Haynrode, Kirchworbis oder Geismar, wurden Zwangsarbeiter aus Polen und der Ukraine eingesetzt. In Reifenstein gab es ein Sonderlager für Selbige. 1944 wurde in Bischofferode ein Außenlager des KZs Mittelbau-Dora im Bereich der Wintershall AG angelegt. Darüber wird jedoch nur ungern gesprochen. Heute gedenkt man beispielsweise in Geismar auf dem Friedhof ungeachtet der 5 Zwangssterilisationen im Jahr 19437 lieber „Den gefallenen deutschen Helden.“ Bei derartigen Wortlauten geht es nicht mehr nur „um eine Verharmlosung der nationalsozialistischen Geschichte, wie etwa in den Veranstaltungen der deutschen Mainstream-Gedenkpolitik, sondern um eine Glorifizierung“8. Während die Gedenkredner beispielsweise zum Volkstrauertag durch die permanente Verbrüderung mit den nationalsozialistischen Tätern die deutsche Schuld nachhaltig verwischen, nimmt man hier positiv auf die Taten der Nationalsozialisten Bezug. Statt einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Orte und ihrer Bewohner strebt die Dorfgemeinschaft eine „Entschuldigung“ im schlechtesten Sinne an: Gemeint ist keine Entschädigung9 oder Aufarbeitung, sondern ein einfaches Ende der Schuld bei gleichzeitigem Bejubeln der Täter. Von Re-Education fehlt jede Spur, stattdessen sind die viel betrauerten Täter omnipräsent, was nicht zuletzt an der Emotionalisierung der Debatte liegt. „Nicht mehr die Leugnung des Unleugbaren, wie noch vor 40 Jahren, als wirkliche Täter (und ihre entsprechend parentifizierten Nachkommen) das öffentliche Klima bestimmten, macht das Verstockte aus, sondern die Rückprojektion der eigenen Unschuld in die Familiengeschichte des Kollektivs.“10 So erfüllt das 10-20 minütige Gedenken der Dorfgemeinschaft an den Gräbern ihres Volkes in Form der Kriegerdenkmale in erster Linie den Zweck der moralischen Rehabilitation und der damit einhergehenden Verdrehung der Geschichte.

1 Uli Krug: Böser Adolf, guter Richard, Bahamas Nr. 71, 2015
2 Initiative „Volkstrauertag Abschaffen!“ in der gleichnamigen Broschüre, 2015, Seite 5
3 Ebd.
4 Christoph Schmidt: Kirmes in Jützenbach: So ausgelassen feierten die Eichsfelder, Thüringer Allgemeine, 21.10.2015
5 Dass Kirmes im Nationalsozialismus in einem anderen Rahmen oder wie 1939 zum Kriegsbeginn größtenteils gar nicht gefeiert wurde, ist uns bewusst. Eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Zeit für die Vereine ist jedoch aus unserer Sicht unabdingbar.
6 Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und Studienkreis deutscher Widerstand 1933-1945 (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Reihe: Heimatgeschichtliche Wegweiser Band 8 Thüringen, Erfurt 2003, S. 43, ISBN 3-88864-343-0
7 Ebd.
8 Initiative „Volkstrauertag Abschaffen!“ in der gleichnamigen Broschüre, 2015, S. 26
9 Mehr Infos zu Entschädigungen liefert zB die Kampagne makezoopay.tumblr.com
10 Uli Krug: Böser Adolf, guter Richard, Bahamas Nr. 71, 2015

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