Sinnlos in linken Politsphären – Die Darstellung einer Odyssee

“Meistens hat, wenn zwei sich scheiden, einer etwas mehr zu leiden.” (Willhelm Busch)

Noch nicht einmal ein Jahr haben wir es im JuzI ausgehalten oder, besser gesagt, wurde unsere Präsenz ausgehalten. Genau genommen waren es nur knapp 9 Monate, die wir in dem sich selbst als pluralistisch verstehenden Hausprojekt, Göttinger Urgestein der linken Szene, als Hausgruppe verbringen durften. Mehrere Monate, die von vielen stichelnden Kleinigkeiten und anderen Nichtigkeiten geprägt waren, welche für sich kaum Relevanz hätten, aber in ihrer Kulmination ein mehr als desaströses Gesamtbild auf das Göttinger Hausprojekt, dessen internen Umgang mit Kritik und viel mehr noch auf große Teile der örtlichen linken Szene werfen.
Wir verstehen uns selbst als Gruppe, die politisch sowohl im Eichsfeld als auch im begrenzten Rahmen in Göttingen interveniert und dabei neben ihrem Hauptaugenmerk auf neonazistische und völkische Umtriebe in der Provinz auch immer ein Auge auf regressive Momente innerhalb dessen hat, was man – mit einem weinenden Auge – noch am besten als eigene “Szene” bezeichnen kann. Dabei haben wir in der Vergangenheit nicht davor zurückgescheut, unsere Kritik klar vorzubringen und Doppelstandards bzgl. vor allem Antisemitismus, Antizionismus und Antiamerikanismus in dem eigenen Umfeld deutlich anzusprechen, statt sich beschwichtigtend im eigenen Szenesumpf wohlzufühlen.
Dies war auch mit einer der Hauptgründe für immer wiederkehrende Konflikte mit Teilen des Hausprojekts, die wir im Folgenden darlegen um deutlich zu machen, wie wenig die Möglichkeit zur sinnvollen und kritischen Auseinandersetzung mit linken Positionen innerhalb dieses Rahmens noch möglich ist. Dass wir das Ganze öffentlich thematisieren und außerhalb verstaubter Plena zur Diskussion stellen wollen, liegt an der festgefahrenen Situation und an der Überzeugung, dadurch überhaupt erst konstruktive Gespräche führen zu können.
Unser Rausschmiss aus den Räumlichkeiten des JuzI ging einher mit einer Reihe von stark persönlich aufgeladenen Vorwürfen und unserer Einsicht, dass wir keine Lust mehr haben, mit einem Kreis von Leuten zu diskutieren, der nicht in der Lage scheint, persönlichen Ressentiments und politische Arbeit auch nur ein Stück weit auseinanderzuhalten. Kurz gesagt: Unser Wille, die Konfliktpunkte in den internen Subkomitees mühselig zu sezieren und darauf zu hoffen, dass man überhaupt ernst genommen wird, ist vorbei. Eine öffentliche Debatte über die interne Struktur und den Umgang mit Antisemitismus ist mehr als notwendig. Wir wollen im Folgenden den Anstoß dafür bieten und möglichst genau darlegen, warum wir keine Perspektive mehr in dem Haus und den Personen, die es maßgeblich prägen, sehen. In einem weiteren Schritt wagen wir den Versuch, das Verhalten des JuzI als symptomatisch für die Linke Szene zu erkennen und zu erklären, warum dieses Verhalten unakzeptabel ist.

Was uns zu dieser Entscheidung brachte- was bisher geschah:

Am Donnerstag, dem 16.06.2016, haben wir auf dem JuzI KO vom JuzI Hausplenum einen Brief und die Nachricht erhalten, dass unsere Gruppe sich nicht weiter dort treffen darf. Dieser Brief ist nicht öffentlich. Der Rauswurf wurde damit begründet, dass es ein paar Wochen vorher ein Gespräch mit unserer Gruppe gab, welches laut dem JuzI-Hausplenum „keine Hoffnung darauf gemacht hat, dass eine Klärung noch möglich ist.“. Auf dem KO wurde von einem Vertreter des Hausplenums gesagt, der Brief und die Gründe seien für Außenstehende nicht relevant und nachvollziehbar. Diese beiden Gründe – zum einen das nicht Vorhandensein einer klaren und nachvollziehbaren Argumentation für Außenstehende, so wie die Abwesenheit von Basisdemokratie zeigen auf, wie autoritär und elitär das Hausplenum handelt. Aus unserer Sicht sollte man, wenn man sich linksradikale und emanzipatorische Politik und Werte auf die ansonsten so schwarz-rote Fahne schreibt, solches Verhalten vermeiden.

In dem Brief wird ein zuvor stattgefundenes Treffen zwischen der Hausgruppe des JuzI und unserer Gruppe erwähnt, welches Klärung in das durchaus angespannte Verhältnis der Gruppe und dem Hausplenum bringen sollte. Wir haben an diesem Treffen teilgenommen in der Hoffnung, Positionen auszutauschen, um sich gegenseitig zu verstehen und Handlungen besser nachvollziehen zu können. Stattdessen wurden wir mit längst geklärten Konflikten konfrontiert. Es hatte den Anschein, als stünde das Ergebnis, dass wir als Gruppe aus dem Haus ausgeschlossen werden sollen, schon von vornherein fest.

Begründet ist der Rauswurf damit, dass man sich mit der Gruppe als Ganzes Unwohl fühle: Allem voran werden Parolen, welche auf der Demo in Bornhagen gerufen wurden, das Verhalten Einzelner auf Partys und ein seit einem Jahr geklärt geglaubter Konflikt auf Facebook genannt. In dem Brief wird jedoch nicht weiter argumentiert, was an den genannten Gründen so schlimm sei oder warum man sie so schwer wiegt. Im Gegenteil, es wird davon ausgegangen, dass das bloße Nennen dieser Schlagworte dazu führt, zu verstehen, was gemeint ist. Anstelle von nachvollziehbaren Argumenten benutzt man hier lieber Phrasen. Gerade in Bezug auf die Bornhagendemo wirkt es, als wolle man sich nicht mit den Inhalten und Gründen auseinandersetzen. Ein „mit schlimmmpeinlichen Parolen in Bornhagen auftreten“ ist der argumentative Höhepunkt. Danach wird „erklärt“, dass dies ja einzelne Ereignisse seien, welche stellvertretend für andere stünden. Eine nachvollziehbare Kritik jenseits von Schlagworten aber haben wir nicht gefunden.

Der tägliche Kampf gegen Windmühlen oder Antisemitismus im Juzi-eine Kontinuität:

Dort, wo man sich keinen Begriff von dem zu behandelnden Gegenstand macht, sondern nur eine diffuse Vorstellung eines Dagegenseins postuliert, kann sich nicht reflektiert mit dem Gegenstand auseinandergesetzt werden. Genauso verhält es sich in den Rängen des JuzI und vor allem dem Zirkel des wöchentlichen Hausplenums mit Antisemitismus und seinen Erscheinungsformen. Vorfälle werden nicht ernstgenommen oder diskutiert: `Schließlich haben sich ja auch alle lieb und zur Not spielt man den Jugendarbeiter.´ Das führt dazu, dass seit Jahren eine Kontinuität an antisemitischen Vorfällen im JuzI Bestand hat. Eine Diskussion, die immer wieder aufflammt, aber nie den Rahmen des internen Zirkels des JuzI verlässt, handelt genau von dem regelmäßig erscheinenden antisemitischen Schmierereien im Haus. Beginnend beim kaum überraschenden “Free Palestine” über durchgestrichene Israelfahnen und Davidsterne bis hin zu Liebesbekundungen zur Hamas, wie „Love Hamas“, und offenen Wünschen nach einer dritten Intifada „give the Kids what they want – 3. Intifada”, gab es im JuzI so ziemlich alle Auswüchse an antisemitischen Unterstützungsbekundungen zu lesen, die sich prima mit einem linken Bauchgefühl vertragen. Hauptsache Bezüge zu angeblich unterdrückten Autochthonen sind hergestellt. Man tut sich schwer, an dieser Stelle nicht an den altbekannten Paul Spiegel Ausspruch „Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder” zu denken, denn was sich hinter all diesen Äußerungen verbirgt, ist unweigerlich der Wunsch nach der Auslöschung Israels und seiner jüdischen Bevölkerung. Wo diese Statements nicht thematisiert werden, bleibt es doch mindestens bei einer Relativierung vom dem, was man nicht als das benennen will, was es ist: Purer, unverhohlener Antisemitismus.
Diese Tags sind alle in den letzten zwei Jahren im Hausprojekt aufgetaucht, doch stellen sie darin keine Neuheit dar: Uns begegneten solche Schmierereien auch als eine Form des kollektiven Hasses auf diejenigen, die versuchen, kritisch im Szenesumpf zu intervenieren, an den Wänden und Plakaten konnte beispielsweise auch “antideutsche Pädoschweine” gelesen werden. Weiterhin wurden aus Partyplakaten, auf denen eine Israelsolidität als Konsens genannt wurde, das Wort Israel in wiederkehrender Regelmäßigkeit gezielt herausgebrannt, als sei schon die bloße öffentliche Darlegung der Existenz dieses Staates eine Provokation sondergleichen. Was auf diese Vorfälle folgte war ein Schwall heißer Luft ohne irgendwelche Konsequenzen: Geredet wurde generell nur im kleinen Rahmen, schließlich interessierte das Altbekannte, aber anscheinend kaum Schockierende nur einen kleinen Kreis von Betroffenen oder um den Ruf des JuzI Besorgten. In den kurzen Diskussionen wurden dann Solidaritätsbekundungen mit der Hamas als dummer Jungenstreich dargestellt, der keine politische Relevanz habe. Denn was nur Blödsinn ist, darüber muss man nicht weiter reden, so die Implikation. An anderer Stelle wurde geäußert, dass bekannt sei, wer sich für die Tags antisemitischer Couleur verantworten müsse. Doch statt Konsequenzen folgen zu lassen, wurden die Personen nur gedeckt; man wollte das Problem, nach eigener Aussage, nur durch gutes Zureden lösen. Übrig bleibt bei den zahllosen Diskussionen rein gar nichts und vor allem keine Selbsteinsicht zum eklatanten Vorkommen von linkem Antisemitismus.

Das erklärt auch, warum Oi Polloi, eine völkische Band, die Israel als Apartheidstaat betitelt, auf Konzerten spielen mit dem Titel “Stop Genocide Gaza” und sich mit antisemitischen Rapper, wie Kaveh solidarisieren, auf dem im JuzI stattfindenden Siempre Antifascista Festival spielen konnte (Siehe Anhang 1).

Oder TeilnehmerInnen der antisemitischen Demonstrationen in der Göttinger Innenstadt im Sommer 2014 nicht wie gefordert ein Hausverbot bekamen (Siehe Anhang 2). Die allgemeine Gleichgültigkeit, das Verirren in einem gesteigerten Harmoniebedürfnis und die altlinke Moralpraxis verkommen zu einem Amalgam, in dem Kritik nicht nur wirkungslos, sondern auch sinnlos ist. Der geringe Grundstandard des irgendwie Dagegenseins vermag zwar noch ein Unbehagen mobilisieren, dass dem Überleben von antisemitischen Parolen wenigstens eine geringe Halbwertszeit beschert, aber einen vernünftigen Prozess der Reflexion mag man darin nicht erblicken.
Stattdessen zeigte sich in langwierigen Diskussionen, dass ein noch größeres und immer wieder zu formulierendes Unbehagen gegen als antideutsch bezeichnete Personen und Gruppenzusammenhänge besteht. Exemplarisch ist dabei die kurz aufflammende Diskussion um mehrere Partyplakate einer ein Jahr zuvor veranstalteten Party zum 8. Mai unter dem Titel “Fête de la liberation” zu nennen. Bei der ursprünglichen Veröffentlichung der Plakate gab es kaum Widerstand gegen diese, nur einen kurzen, intern veröffentlichten Text, auf den es ansonsten keine Reaktionen gab. Ein Jahr später hatten sich die Fronten anscheinend verhärtet und bei der Ankündigung der nächsten 8. Mai Party gab es plötzlich Widerstand gegen die erneute Nutzung des JuzI für eine weitere Party.
Diskutiert wurde nur kurz, dafür offenbarte sich schnell ein Gemisch aus Bauchgefühl, dümmlichen Pazifismus-Forderungen und stumpfen Antiamerikanismus. Die Darstellung US-amerikanischer Panzer im Rahmen des D-Days wurde zu einer Darstellung von “Massenvernichtungswaffen” verklärt, von denjenigen, die sich gerne mit einer gewissen Militanz- und Gewaltästhetik schmücken, hierin aber anscheinend keinen Widerspruch sehen. Schließlich sind in der geäußerten Logik die USA nicht als Teil der alliierten Befreiung Europas vom NS Regime zu sehen, sondern werden zu einem Unterdrückerstaat stilisiert, auf den jeder positive Bezug wie ein Eklat wirken muss. Historische Fakten wurden dabei über Bord geworfen und sich auf die “Massenvernichtungswaffen” konzentriert, die paradoxerweise Millionen von Menschen vor dem unweigerlichen Tod durch die Nationalsozialisten gerettet haben. „Man kann nicht a priori Nein zum Krieg sagen. Die Konzentrationslager wurden auch nicht von Friedensdemonstrationen befreit, sondern von der Roten Armee.“, um wieder einmal Paul Spiegel zu bemühen.
Was man nicht wahrhaben will, darf auch nicht gezeigt werden. Deshalb wurde von uns auch ein offen schamvolles Auftreten in Bezug auf die Plakate gewünscht und sogar die identitäre Wildcard ausgeteilt, dass wir doch auch nicht links seien. Das entschiedene Auftreten gegenüber antiamerikanischen Ressentiments wurde nicht gut aufgenommen und das größere Problem vieler Personen und Gruppen innerhalb des JuzI mit unserer Gruppe wurde trat noch einmal deutlicher zu Tage als zuvor.
Was wieder einmal übrig blieb war die Diskussion gegen eine Wand der Ignoranz und des Desinteresses. Sysiphos jedenfalls hätte an der Arbeit gegen Antisemitismus und Antiamerikanismus in diesem pluralistischen Hausprojekt seine wahre Freude gehabt.

Das krankhafte Festigen von Wissens- und Machtstrukturen innerhalb der Linken Szene:

Das Verhalten des Hausprojektes ist leider kein Einzelfall – vielmehr handelt es sich um eine gängige Verhaltenspraxis innerhalb der Linken Szene. Unser Ziel ist es nun, von einzelnen Vorwürfen hin zu einer grundsätzlichen Verhaltens- und Vorgehenskritik zu kommen, die auf weit mehr Gruppen und Zusammenhänge als allein das JuzI zu übertragen ist.

Folgt man dem Gedankengang Theodor W. Adornos in seinem viel zitierten Radiobeitrag „Erziehung nach Auschwitz“, in dem er die Ziele an Erziehung formuliert, ergibt sich die klare Zielsetzung, es sei nur möglich gegen die Barbarei zu arbeiten, indem der Mensch selbstreflektiert und in vollem Bewusstsein über die Auswirkungen seiner Handlungen lebt. Diese geforderte Selbstreflexion ist der Grundstein für konstruktive politische und gesellschaftliche Teilhabe und Arbeit.
Konstruktivität und Selbstreflexion heißt einerseits politische als auch gesellschaftliche Konflikte zu analysieren, zu hinterfragen und schlussendlich zu problematisieren. Problematisieren bedeutet, einen Raum zu schaffen, in welchem Problemstellungen diskutiert werden und entsprechende Umgangsformen und Lösungsansätze gefunden werden können. Dieses Prinzip funktioniert nur unter bestimmten Voraussetzungen: Zum Einen muss die Bereitschaft vorhanden sein, sich von persönlichen Fehden ab- und einer Diskussion zuzuwenden. Zum Anderen ist es zwingend notwendig, Konflikte differenziert zu betrachten, unabhängig vom eigenen „Szene-Standing“. Differenziertheit setzt gleichzeitig Selbstreflexion voraus. Hält man Anstelle dessen an verinnerlichten Dogmen fest, beziehungsweise beharrt man auf seiner Voreingenommenheit, so ist eine Konfliktlösung kaum zu erwarten. Als wichtigen Punkt gilt es, die Herangehensweise zu thematisieren. Beschränken sich die Positionen und Argumente lediglich auf mündliche Überlieferungen ohne klaren Quellenbezug, beschränken sich solche Debatten auf vorgeschobene Befindlichkeiten und Entscheidungen im Hintergrund, so fehlt genau das, was einer Konfliktlösung zu Grunde liegen sollte: Konstruktivität.
Selbstreflexion kann sich andererseits aus einem historisch-kritischem Umgang mit der Gegenwart eröffnen. Genau dieser historisch-kritische Umgang wird von linken Strukturen gerne außer Acht gelassen oder schlicht überhaupt nicht gepflegt. Der vorliegende Fall als Beispiel:
Eines der Probleme, das sich mit dem internen Hinauswerfen einer Gruppe aus einem linken Raum ergibt, liegt auf der Hand: Es ist vollkommen intransparent. Diese Intransparenz gründet sich generell auf einer tief verwurzelten Konfliktscheu. Sie gründet sich aber besonders aus der Angst, sich in aller Öffentlichkeit zu verantworten. Anstatt öffentlich und für alle nachvollziehbar Stellung zu beziehen und sich einer Debatte zu öffnen, die eine mögliche Reflexion fördern könnte, wird im stillen Kämmerlein diskutiert und entschieden. Nicht einmal der Partner*, mit dem der Konflikt ausgetragen wird, ist eingeladen, zu argumentieren – zumindest in diesem konkreten Fall nicht in einem gerechten und sinnvollen Maße.
Es wird intern entschieden, gehandelt, reagiert, ausgeführt. Es bleibt nichts außer Gespräche über mögliche Verläufe. Aus Geschehenem werden Gerüchte, aus Gerüchten werden Mythen und aus diesen Mythen entsteht Erinnerung. Was erinnert werden soll, legen die Parteien fest und verzerren das Geschehnis. Und genau dies ist ein immenser Fehler, ein grundsätzliches Problem von linken Strukturen, in dem sich mehrere Konflikte spiegeln und kulminieren: Zunächst werden Wissenshierarchien gebildet und Machtstrukturen gefestigt. „Wichtige“ Menschen waren in dem Geschehenen Akteur*innen und werden hinterher zu den prägenden Personen der Narration über das Ereignis. „Unwichtige“ Menschen haben sich die Versionen der Akteur*innen anzuhören, inklusive ihrer subjektiven Färbung des Ereignisses. Es ist nicht möglich, das Geschehene zu rekonstruieren oder zu hinterfragen.
Um diesem Problem grundsätzlich entgegenzuarbeiten, sollten sich linke Zusammenhänge darüber im Klaren sein, was es bedeutet, eine solche Form der Erinnerung zu wählen: Es handelt sich um die Gedächtnisform der mündlich-tradierten Erinnerung. Sie wird, wie oben schon angedeutet, von denjenigen geprägt, die über das Geschehene erzählen. Ein kleines Kollektiv von Akteur*innen hat ein kollektives Gedächtnis, das sich über die Erzählung des Geschehenen in ein kommunikatives Gedächtnis verwandelt. Es handelt sich bei dieser Art des Erinnerns um eine Aneignung von historischer Vergangenheit. Das Geschehene wird identitätsstiftend für linke Gruppen, obwohl sie den Verlauf nicht nachvollziehen können. Es etabliert sich eine Rhetorik des Erinnerns, die derart selektiv ist, dass sie niemals neutralen Charakter haben kann, so sehr die Akteur*innen dies auch betonen möchten. Die verfärbte – teilweise imaginierte – Erinnerung wird in die Gegenwart geholt.
Um einen selbstkritischen Umgang mit der Gegenwart zu eröffnen und auch Außenstehenden die Möglichkeit zu geben, sich selbst ein Bild zu machen, sind mehrere Bedingungen notwendig: Die Debatte sollte öffentlich und nicht im Geheimen vollzogen werden, einzelne Beschlüsse (Quellen) sollten zugänglich und transparent gemacht und wenn nötig verfasst werden. Die Gedächtnisform des kommunikativen Gedächtnisses muss hinterfragt und kritisiert werden. Das Ergebnis wäre der Aufbruch von Wissens- und Machtstrukturen innerhalb von linken Zusammenhängen.

Pluralismus ist nur geil, wenn alle einer Meinung sind!

Nun waren es also neun Monate im JuzI. Neun Monate Befindlichkeiten, ungehörte Appelle gegen immer wiederkehrenden Antisemitismus, Kampf gegen Antiamerikanismus, sowie neun Monate Unfähigkeit seitens des JuzI, zwischen Gruppen und Einzelpersonen zu unterscheiden – und neun Monate Heimlichtuerei.
Es hat sich gezeigt, dass dieser Konflikt gut auf die “Szene” projiziert werden kann: fehlender Wille zur konstruktiven Diskussion, einhergehend mit einer Selbstreflexion, welche sich als nahezu inexistent beschreiben lassen muss, und das Nichteinbeziehen der szeneinternen Konfliktpartner sowie Öffentlichkeitsscheu, resultiert schlussendlich in einer Festigung von Wissens- und Machtstrukturen.
Abschließend lässt sich also sagen, dass sich das JuzI, welches sich selbst gern als pluralistisch bezeichnet, nicht als Plattform für politische Arbeit eignet.
Bekanntlich soll man sich Sisyphos, um bei Camus zu bleiben, als glücklichen Menschen vorstellen. Dass dies nicht leicht fällt, ist verständlich und die vergangenen neun Monate lassen sich nur schwer betrachten, ohne bitter zu werden.
Neun Monate, an deren Ende wir uns nicht rausschmeißen lassen, weil wir einfach gehen.

PDF Version

Literaturempfehlungen:

Goodbye Szene (Sub*Way): https://subway-online.info/?page_id=272

Elemente des Antisemitismus (Max Horkheimer/Theodor W. Adorno): copyriot.com/sinistra/reading/agnado/ad…

Adorno, Theodor W.: Erziehung zur Mündigkeit.Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959 bis 1969, 1971.

Amadeo-Antonio Stiftung – Was ist Antisemitismus? http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/die-stiftung-aktiv/themen/gegen-as/antisemitismus-heute/

 

 

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